IVECO arbeitet bei der Integration von Fahrerassistenzsystemen mit dem US-amerikanischen Unternehmen Plus zusammen. Bilder: Plus
Im Gespräch mit Sunny Choi, Vice Präsidentin Business Development bei Plus

Zukunftsmusik? Das Potenzial von hochautomatisierten Lkw

Die Herausforderungen in der Logistikbranche nehmen weiter zu. So gilt es beispielsweise dem Mangel an Berufskraftfahrer(innen) oder den steigenden Energiepreisen erfolgreich zu begegnen. Neben der Digitalisierung, der Prozessoptimierung, könnte das hochautomatisierte Fahren (HAD, High-Automated Driving) Sunny Choi zufolge ein Lösungsansatz sein um den Beruf attraktiver zu machen und gleichzeitig die Kosten zu senken. Choi ist Vice Präsidentin Business Development beim kalifornischen Spezialisten für Fahrerassistenzsysteme Plus und arbeitet derzeit in der deutschen Niederlassung in München. „Aktuell sind mit unserer Technik ausgestattete IVECO-Trucks auf deutschen Straßen unterwegs. Das Ziel ist, die Fahrzeuge im Betrieb zu testen und die gewonnenen Daten zu validieren, um den Weg zur Serienproduktion zu ebnen“, so Choi.

Assistenzsysteme entlasten Fahrerinnen und Fahrer

Dadurch, dass HAD-Assistenzsysteme die Fahrer(innen) in vielen Verkehrssituationen entlasten, seien längere Fahrten weniger kräftezehrend, so Choi. Außerdem gewinne der Beruf durch die Hightech-Ausstattung mehr an Reiz, was mehr Nachwuchskräfte anziehen dürfte. Fahrerassistenzsysteme die dem Lkw-Fahrer immer mehr abnehmen und zusätzlich für Sicherheit sorgen, könnten also laut Choi auch dazu beitragen, den Fachkräftemangel in den Griff zu bekommen.

HAD reduzieren Kosten

Das künftig hochautomatisierte Fahren kann laut Choi auch dafür sorgen, den Kraftstoffverbrauch zu reduzieren und die CO2-Emissionen zu senken. „Das ist auch ein entscheidender Aspekt vor dem Hintergrund der ab 2024 geplanten CO2-Maut für Lkws.“ Die Technik von Plus trage zur Optimierung des Fahrverhaltens bei und senke so den Kraftstoffverbrauch um mindestens zehn Prozent. „Die Einsparungen summieren sich, sobald der Flottenbetreiber mehrere Lkws mit den Assistenzsystemen ausstattet. Die Trucks fahren stets im effizientesten Betrieb, unabhängig davon, wer hinter dem Steuer sitzt.“ Marktbeobachter schätzen, dass im Jahr 2030 fast zehn Prozent aller verkauften Lkws zumindest teilautomatisiert unterwegs sind.

„Flottenbetreiber sollten die Technologie des hochautomatisierten Fahrens als Chance begreifen“, so Sunny Choi

Was ist bereits möglich?

Heute gehören Abbiege-, Spurhalte- oder Notbremsassistenten zur Grundausstattung moderner Lkw. Die Sensorik erkennt Personen im Toten Winkel, die Fahrzeuge halten automatisch die Fahrspur oder führen bei Gefahr eine Notbremsung durch. Zudem ermöglichen Assistenzsysteme in einer Stausituation automatisch den Abstand zum Vordermann zu halten, sie bremsen den Truck ab oder ziehen automatisch nach. „Unser HAD-System erkennt beispielsweise auch Tunnel oder Brücken-Durchfahrten und warnt frühzeitig bei zu niedriger Höhe“, so Choi. Im Falle des Driver-Attentiveness-Systems von Plus beobachtet eine Innenraumkamera die Hände und Augen des Fahrers. Bei Anzeichen von Müdigkeit oder dem Loslassen des Lenkrads liefert das System zuerst verbale Hinweise. Kommt keine Reaktion bremst der Lkw langsam ab und kommt zum Stillstand. „In Zukunft ist es möglich sogar auf den Seitenstreifen zu wechseln“, erklärt Choi. Realisierbar seien auch Lkw, die selbstständig Hindernissen ausweichen, die Spur wechseln oder sogar überholen.

360-Grad-Sensorik

Hochautomatisierte Fahrsysteme sind mit modernen Lidar-, Kamera- und Radarsensoren ausgestattet. Die Sensoren interagieren und scannen permanent die Umgebungsbedingungen. „Das 360°-System bleibt auch dann funktionsfähig, wenn ein einzelner Sensor ausfällt“, erklärt Choi. Die generierten Daten fließen in Millisekunden in einem leistungsfähigen Zentralrechner zusammen. Gleich einem Gehirn führt er alle notwendigen Maßnahmen zur Steuerung des Lkw durch. Das Ziel sei laut Choi die Systemgrenzen immer weiter zu verschieben bis hin zum vollautomatisierten Fahren (Level 5). „Der Mensch behält bis Level 4 die volle Kontrolle über das Fahrzeug und kann jederzeit eingreifen.“ Von Plus werden Software-Updates oder auch zusätzliche Funktionen ‚over the air‘ bereitgestellt, sodass es zu keinen Ausfallzeiten kommt.

Der Rechner als Copilot

Der Software des HAD-Systems kommt die zentrale Rolle zu. Sie fungiert quasi als eine Art Copilot. Spricht ein Assistenzsystem an, wird der Lkw-Fahrer über das Instrumentendisplay informiert beziehungsweise gewarnt. Im Übrigen: Um zukünftig einen hochautomatisierten Truck fahren zu dürfen, müssen Anwärter erst einen Test bestehen. So zeigen sie, dass sie die Systeme auch beherrschen.

Technik als Chance

Hochautomatisiertes Fahren kann laut Sunny Choi ein Schlüssel zu den drängenden Herausforderungen der europäischen Logistikbranche sein. „Die Erkenntnis setzt sich immer mehr durch, da HAD-Systeme helfen, das Fahrerlebnis und die Energieeffizienz der Fahrzeuge zu verbessern sowie die Sicherheit auf den Straßen zu erhöhen. Was sie heute bereits leistet, wird nur noch von den Zukunftsaussichten getoppt“, so Choi.

Den Beitrag finden Sie auch in der Print-Ausgabe 2-2023 der Krafthand-Truck.