

TOPMOTIVE – Die Daten-Jongleure
Die zunehmende Komplexität moderner Nutzfahrzeuge stellt den Aftermarket vor große Herausforderungen. Betrachten wir nur das Thema Fahrzeugteile. Kein Nfz-Service-Profi möchte stundenlang – zumal in unterschiedlichen Online-Katalogen – nach den richtigen Ersatzteilen suchen oder im ungünstigsten Fall falsche Teile wieder zurücksenden. Das kostet Zeit und Geld, Standzeit statt Uptime.
Die Macher im Hintergrund

Die Firma TOPMOTIVE mit Sitz in Bargteheide nördlich von Hamburg, arbeitet gleichsam im Verborgenen. Nur wenigen ist das Unternehmen bekannt, dem sie doch im Tagesgeschäft so viel zu verdanken haben. Über 300 Mitarbeiter(innen) entwickeln Software- und IT-Lösungen für den Automotive-Aftermarket. Dazu gehören Katalog-, Informations- und Warenwirtschaftssysteme. Namhafte Hersteller und Teilehändler setzen auf die Lösungen von TOPMOTIVE. Letztendlich geht es um die Optimierung von Prozessen entlang der gesamten Ersatzteil-Wertschöpfungskette. Die Nfz-Werkstätten profitieren am Ende von zuverlässigen Bestellplattformen, von ausgeklügelten Suchfunktionen, von der Ergebnisqualität. Am Ende geht es um das korrekte Teil, für das jeweilige Fahrzeug. Klingt einfach? Ist es aber nicht. Krunoslav Bagaric, einer der Geschäftsführer bringt es auf den Punkt: „Sämtliche Daten zu den Ersatzteilen müssen nicht nur verfügbar, sondern vor allem strukturiert, interpretierbar und in Echtzeit nutzbar sein. Während sich im Pkw-Bereich über Jahrzehnte etablierte Standards entwickelt haben, zeigt sich im Nutzfahrzeugsegment ein deutlich fragmentierteres Bild.“
Jeder Lkw ist anders
Die Gründe für die Komplexität des Nfz-Teilemarkts liegen laut Bagaric in der Natur des Produkts selbst. Lkw sind keine standardisierten Serienprodukte, sondern hochgradig individualisierte Systeme. Jedes Fahrzeug wird für einen spezifischen Einsatzzweck konfiguriert – von der Achsanordnung über die Bremsanlage, bis hin zu kleinsten Ausstattungsdetails. „Diese Individualisierung macht eine einfache Kategorisierung und Zuordnung von Ersatzteilen nahezu unmöglich“, so Bagaric.
Während ein Pkw in Millionenstückzahlen mit begrenzten Varianten produziert wird, kann ein Lkw in seiner konkreten Konfiguration weltweit einzigartig sein. Dies erschwert nicht nur die Identifikation von Ersatzteilen, sondern auch die Standardisierung von Datenstrukturen. (
Krunoslav Bagaric).
Vom Datenchaos zur strukturierten Information
Tatsächlich lag der Ursprung der Datensysteme von TOPMOTIVE in der Idee, große Mengen an Teile- und Fahrzeugdaten in eine einheitliche Struktur zu überführen. 1994 wurde so der TecDoc-Standard geboren. „Unser Ziel war es, Teileinformationen für den Handel, die Werkstätten und weitere Marktteilnehmer nutzbar zu machen“, erklärt Bagaric. Im Pkw-Bereich hat sich dieses Prinzip bewährt. Fahrzeuge lassen sich über standardisierte Attribute gruppieren und vergleichen. „Im Nutzfahrzeugbereich hingegen stößt dieser Ansatz an seine Grenzen.“ Im Vergleich zum Pkw fallen pro Nutzfahrzeug ein Vielfaches an Daten an. „Die Kombination aus technischer Komplexität und individueller Konfiguration führt dazu, dass die Datenmodelle bei Nutzfahrzeugen um ein Vielfaches detaillierter sein müssen“, so Bagaric. Hinzu komme, dass die Identifikation und Verarbeitung der Daten spezialisiertes Wissen erfordert, das am Markt nur begrenzt verfügbar ist. Dies betrifft sowohl Werkstätten als auch den Teilehandel.

Die Grenzen klassischer Datenmodelle
Traditionelle Ansätze von Datenmodellen basieren also häufig auf der Zusammenfassung von Fahrzeugen in Gruppen. Im Nutzfahrzeugbereich führt dies laut Bagaric jedoch zu Problemen. Eine zu grobe Kategorisierung kann schnell zu Fehlzuordnungen führen – mit erheblichen Konsequenzen. In der IT spricht man von der ‚Zehnerpotenzregel‘: Ein früher Fehler vervielfacht sich in späteren Prozessschritten exponentiell. Im Alltag bedeutet das: Eine falsche Teileidentifikation, Fehlbestellungen, längeren Standzeiten und erhebliche Mehrkosten.
Der Weg zu neuen Datenarchitekturen
Die Lösung liegt laut Bagaric in einem grundlegend anderen Ansatz. Statt bestehende Systeme zu übertragen, mussten Datenstrukturen neu gedacht werden. Was den Nutzfahrzeug-Bereich betrifft arbeitet TOPMOTIVE seit 2008 daran. Zuerst widmete man sich der Marktforschung, im Nachgang startete man operativ in die Entwicklung von Datenbanken und Produkten. Im Zentrum stand dabei ein mehrdimensionaler Ansatz: Die Fahrzeugidentifikation auf mehreren Ebenen, eine herstellerübergreifende Terminologie, standardisierte Produktklassifikationen sowie die Verknüpfung technischer und logistischer Informationen. „Dabei ging es uns nicht nur um die reine Sammlung von Daten, sondern um deren Interpretation und Zusammenführung aus unterschiedlichen Quellen. Es gibt nicht die eine Datenquelle, die alle Probleme löst. Stattdessen müssen Informationen aus verschiedenen Systemen kombiniert und harmonisiert werden.“
Ein stehender Lkw verursacht unmittelbar Kosten. Anders als im Pkw-Bereich, wo Fahrzeuge temporär stillstehen können, zählt im Transportsektor jede Minute. Das erhöht die Anforderungen an die Qualität der Teiledaten und die Verfügbarkeit erheblich.
Kooperation ist entscheidend
Ein entscheidender Erfolgsfaktor beim Aufbau marken-unanhängiger Datenbanken ist die Zusammenarbeit mit den Fahrzeugherstellern. „Der Zugang zu Originaldaten ist essenziell – gleichzeitig jedoch sensibel. Hersteller haben eigene Systeme, Prozesse und Sicherheitsanforderungen. Ein konfrontativer Ansatz führt hier selten zum Ziel.“ Für TOPMOTIVE lag der Schlüssel im gegenseitigen Vertrauen und einer partnerschaftlichen Kommunikation. „Wer die bestehenden Strukturen respektiert und Mehrwerte aufzeigt, kann langfristig tragfähige Kooperationen aufbauen. Oft profitieren die Hersteller selbst von unseren Datenlösungen, etwa durch zusätzliche IT-Services oder verbesserte Datenaufbereitung.“

Vom Datensatz zum Werkstattprodukt
Am Ende steht nicht die Datenbank, sondern ein funktionierendes System für die Lkw-Werkstatt. Es geht um die schnelle und präzise Teileidentifikation, die Integration in bestehende Werkstatt- und ERP-Systeme, die Verfügbarkeit technischer Zusatzinformationen sowie die direkte Anbindung an Logistik- und Bestellprozesse. „Moderne Informationssysteme gehen weit über klassische Teilekataloge hinaus. Sie bilden komplette Workflows ab – vom Fahrzeug über die Diagnose bis zur Bestellung und Reparatur.“
Prozessintegration als Schlüssel zum Erfolg
Ein zentrales Ziel ist die Reduktion von Medienbrüchen. In vielen Betrieben laufen Prozesse noch immer über mehrere Systeme hinweg – mit manuellen Zwischenschritten und entsprechendem Fehlerpotenzial. Integrierte Lösungen ermöglichen es, alle relevanten Informationen in einer Umgebung bereitzustellen. Das verbessert nicht nur die Effizienz, sondern auch die Qualität der Arbeit. Werkstätten können schneller reagieren, Händler reduzieren Rückläufe und Flottenbetreiber optimieren ihre Wartungsstrategien.

Daten als strategischer Faktor
Über die Nutzung in der Lkw-Werkstatt hinaus, gewinnen Fahrzeug- und Teiledaten zunehmend auch eine strategische Bedeutung. Durch die Analyse lassen sich beispielsweise Bedarfsprognosen erstellen, Lagerbestände optimieren, Markttrends erkennen sowie Einkaufsentscheidungen verbessern. „Solche ‚Market-Indicators‘ sind im Pkw-Bereich bereits etabliert. Nun gewinnen sie auch im Nutzfahrzeugsegment an Relevanz“, so Bagaric.
Komplexität beherrschbar machen
Die Entwicklung im Nutzfahrzeug-Aftermarket zeigt längst, dass Informationssysteme wie Teilekataloge zur ‚kritischen Infrastruktur‘ geworden sind. Ihre Qualität und Verfügbarkeit entscheiden über Effizienz, Wirtschaftlichkeit und letztlich die Wettbewerbsfähigkeit. Die größte Herausforderung besteht darin, die Komplexität beherrschbar zu machen. Das erfordert flexible Datenmodelle, leistungsfähige IT-Systeme, enge Kooperationen entlang der Wertschöpfungskette und nicht zuletzt ein tiefes Verständnis für die Praxisanforderungen im Markt. „Die Zukunft gehört den integrierten Lösungen, die Daten nicht nur sammeln, sondern in echten Mehrwert übersetzen. Nur so lässt sich die steigende Komplexität im Nutzfahrzeugbereich bewältigen“, so Bagaric.
Den Beitrag finden Sie auch in der Print-Ausgabe 2-2026 der Krafthand-Truck.







