Entlüften von Hydropneumatischen Kupplungssystemen
Fühlt sich die hydropneumatische Schaltung teigig oder ungenau an oder sind die Endanschläge ‚weich‘, dann muss man das System entlüften. Sind im Schlauch keine Blasen mehr zu sehen, war die Entlüftungsprozedur erfolgreich. Bild: Kuss
Schmierstoffe

Entlüften von hydropneumatischen Kupplungssystemen

Bei diversen Nutz- und Baufahrzeugen erfolgt der Gangwechsel mithilfe von hydropneumatischen Schalt- und Kupplungssystemen. Da sich in solchen Systemen mineralölbasierte Hydraulikflüssigkeiten befinden, müssen herkömmliche Bremswartungsgeräte passen. Romess hat deshalb mit dem ‚BW 1408 HY‘ ein Spezialtool entwickelt, das einen blasenfreien Flüssigkeitswechsel ermöglicht. KRAFTHAND-Truck hat sich das Gerät in der Praxis angesehen.

Hydropneumatische Schaltungen kommen ohne Schaltgestänge aus. Der Gangwunsch des Fahrers wird nicht von einem konventionellen Gestängemechanismus übertragen, sondern über Hydraulikleitungen mit Geberzylinder am Gangschalthebel im Fahrerhaus und doppelt wirkenden Nehmerzylindern am Getriebe. Das soll verhindern, dass unter extremen Fahrbedingungen, etwa im harten Baustellenverkehr oder auf ‚Wellblechpisten‘ harte Stöße und störende Vibrationen über den Schalthebel in die Fahrerkabine übertragen werden.

Zu finden sind hydropneumatische Schaltungen bei diversen MAN-Modellen der TG-Baureihe mit so genannter ‚Kongsberg-Schaltung‘ und bei den Mercedes-Benz-Modellen Actros, Axor und Atego, dort als ‚HPS‘-Schaltung bezeichnet. Darüber hinaus gibt es auch noch hydraulische Kupplungsanlagen und so genannte ‚nasse Bremsen‘, etwa bei speziellen Baustellen- und landwirtschaftlichen Fahrzeugen, die ebenfalls mit Mineralöl arbeiten.

Getrennte Systeme, gemeinsame Technik

Die Besonderheit dieser hydropneumatischen Systeme ist, dass sie nicht, wie bei Kraftfahrzeugen üblich, mit Bremsflüssigkeit arbeiten, sondern mit mineralölbasierten Hydraulikflüssigkeiten oder Mehrbereichsölen. „Dadurch verbietet sich der Einsatz herkömmlicher Bremsenwartungsgeräte, da die Medien Mineralöl und Bremsflüssigkeit keinesfalls miteinander vermischt werden dürfen. Andernfalls kommt es zu Schäden am Hydrauliksystem – sowohl am Fahrzeug als auch beim Wartungsgerät“, berichtet Kai-Uwe Karsten, bei Romess (www.romess.de) in VS-Schwenningen im Vertrieb für den Technischen Support verantwortlich. „Im Extremfall lösen sich die Gummidichtungen auf und es kommt zum Totalschaden“, warnt der Fachmann.

Um Verwechslungen vorzubeugen, verwenden die Fahrzeughersteller am Ausgleichsbehälter für mineralölbasierte Flüssigkeiten üblicherweise grüne Verschlussdeckel, eine ‚Farbcodierung‘, die sich laut Karsten auch bei den Wartungsgeräten durchgesetzt hat. Aus diesem Grund kommt auch das zur Automechanika 2018 neu vorgestellte Wartungsgerät ‚BW 1408 HY RoTwin‘ in ‚mineral-grün‘ daher. Technisch entspricht das ‚Innenleben‘ dieses Spezialgeräts den bekannten, blauen ‚RoTwin‘-Geräten – mit der Ausnahme, dass die Materialien auf den Mineralölbetrieb angepasst sind. Und was das Buchstabenkürzel ‚HY‘ in der Modellbezeichnung unterstreicht.

Herzstück der von Romess-Chef Werner Rogg entwickelten ‚RoTwin‘-Technik ist eine Doppel-Schwingkolbenpumpe, die im Vergleich zu herkömmlichen ausgestatteten Geräten einen wesentlich höheren Fließdruck erzeugt und so ein schnelles und vor allem blasenfreies Füllen und Entlüften solcher Systeme ermöglichen soll. „Während die eine Pumpe saugt, drückt die andere die Flüssigkeit weiter“, erläutert Tüftler Rogg das Wirkprinzip.

Während herkömmliche Bremsflüssigkeiten hygroskopisch, also wasseranziehend sind und deshalb regelmäßig nach Herstellervorgaben nach ein oder zwei Jahren gewechselt sollten, gibt es bei mineralölbasierten Hydraulikflüssigkeiten kein festes Wechselintervall, das den Einsatz eines Entlüftergeräts wie des ‚BW 1408 HY ‘ erfordern würde. Sind allerdings mit der Zeit die Schaltanschläge federnd und weich geworden oder fühlt sich die Schaltung unpräzise an, muss man das System neu entlüften, um die Schaltqualität wieder herzustellen.

Und so geht’s

Der Entlüftungsvorgang an sich ist simpel und auch der Einsatz des ‚BW 1408 HY‘ kein Hexenwerk. In jedem Fall sollte sich der Mechaniker dabei an der Arbeitsanweisung des Fahrzeugherstellers orientieren. „Zuerst muss man das Getriebe in die Neutral-Stellung bringen“, erklärt Christoph Lehmann, Kfz-Mechatroniker beim MAN Truck & Bus Service Villingen, wo wir den Praxis-Check vorgenommen haben. Sollte sich dies über den Schalthebel nicht mehr bewerkstelligen lassen, hilft das vom Fahrzeug- beziehungsweise Getriebehersteller dafür vorgesehene Spezialwerkzeug weiter. Um das ‚nussähnliche‘ Spezialtool in die Schaltwelle einsetzen zu können, ist üblicherweise am Getriebegehäuse eine Schutzkappe zu entfernen. Anschließend lässt sich der Schaltmechanismus durch Drehen der Spezialnuss nach links und rechts mechanisch in die Neutral-Stellung bringen – wo er während der gesamten Entlüftungsprozedur auch bleiben sollte.

Als nächstes schraubt der Werkstattfachmann jeweils die Entlüfterventile und -schrauben aus den beiden Nehmerzylindernzylindern und prüft deren Dichtkegel auf Schäden. Im Bedarfsfall sind die Schrauben beziehungsweise Ventile zu ersetzen. Gründlich gereinigt kommen sie wieder an ihren angestammten Platz. Anschließend bereitet der Mechaniker das Schlauchsystem vor und spült und entlüftet dieses mithilfe des Wartungsgeräts, bis keine Blasen mehr im Schauglas der Y-Armatur zu sehen sind. Dann verbindet er die Schlauchkupplungen jeweils mit den Entlüfterventilen des Gang und Gassenzylinders und stellt den Rücklauf vom Ausgleichs- zum Auffangbehälter her. „Den durchsichtigen Schlauch klemmt man idealerweise in einer Schlaufe unter das linke Scheibenwischblatt, dann kann man beim Durchschalten der Gänge beobachten, ob noch Luftblasen kommen“, berichtet Nutzfahrzeug-Profi Christoph Lehmann im Gespräch mit KRAFTHAND-Truck. Schließlich öffnet der Fachmann die Entlüfterschrauben und -ventile jeweils gut eine Umdrehung, schaltet das ‚BW 1408 HY‘ ein und reguliert den Druck mit dessen stufenlosem Drehregler auf das vorgeschriebene Maß.

Nun ist das ‚Durchschalten‘ an der Reihe: Von der Neutralstellung aus bewegt Lehmann den Schalthebel zunächst jeweils zum linken und zum rechten Anschlag und verharrt dort für die angegebene Zeit. Anschließend muss er noch mehrmals in rascher Folge hin und her Schalten und den Schalthebel abschließend nochmals am jeweiligen Endanschlag für die vorgeschriebene Zeit festhalten. Im Anschluss daran folgt die gleiche Prozedur in der vorgeschriebenen Schaltgasse. Während des gesamten Entlüftungsvorgangs behält Lehmann den durchsichtigen Rücklaufschlauch im Auge. Nachdem keine Blasen mehr zu sehen sind, kann er die Entlüfterschrauben und -ventile schließen und das Entlüftergerät ausschalten. Zum Abschluss schaltet der Mechatroniker noch sämtliche Gänge nach Vorgabe zügig durch, um die ordnungsgemäße Funktion zu überprüfen und die Selbstzentrierung der Schaltung einzuleiten. Zum Schluss klemmt Lehmann den Auffangbehälter ab und korrigiert noch den Flüssigkeitsstand im Ausgleichsbehälter.