Christian Wilz bei seinem Impulsvortrag auf der Handelsblatt-Jahrestagung Nutzfahrzeuge 2026 in Freising bei München. Bild: Foto Vogt GmbH
Im Gespräch mit Christian Wilz, Daimler Truck

„Es geht um die Haltung!“

Christian Wilz ist seit Januar 2024 Vorsitzender der Geschäftsleitung von Mercedes-Benz Trucks Deutschland. In dieser Funktion verantwortet er den Vertrieb und den Service der Lkw-Marke Mercedes-Benz Trucks. Wilz arbeitet bereits seit 2002 im Daimler-Konzern und hatte bereits diverse Führungspositionen im Nfz-Bereich inne. Wir haben mit Christian Wilz über die Herausforderungen der Branche, den Wettbewerb aus Fernost, den Nutzfahrzeugservice der Zukunft und über Persönliches gesprochen.

Sehr geehrter Herr Wilz, Sie haben auf der Handelsblatt-Jahrestagung Nfz im Mai in Freising bei München einen interessanten Impulsvortrag gehalten. Eine Kernaussage war: „Es geht um die Haltung.“ Können Sie unseren Lesern nochmal ausführen, was Sie damit meinen?
Es geht tatsächlich um die Haltung. Für mich ist Haltung die Entscheidung, wie wir auf Herausforderungen blicken und wie wir ihnen begegnen. Gerade in Zeiten großer Veränderungen – sei es bei der Transformation des Verkehrs, neuen Technologien oder wirtschaftlichen Unsicherheiten – macht es einen Unterschied, ob wir vor allem die Risiken sehen oder die Chancen.
Ich bin überzeugt: Mit einer positiven, lösungsorientierten Grundhaltung erreichen wir mehr. Das bedeutet nicht, Probleme auszublenden oder alles schönzureden. Im Gegenteil: Probleme müssen klar benannt werden. Aber entscheidend ist, ob wir anschließend Gründe suchen, warum etwas nicht geht, oder Wege finden, wie es gelingen kann.
Deutschland lebt von Innovation, Unternehmergeist und der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Wenn wir uns von Negativität und Bedenkenträgerei leiten lassen, entstehen häufig zusätzliche Regeln, Bürokratie und Hemmnisse. Fortschritt entsteht dagegen dort, wo Menschen mit Zuversicht, Mut und Gestaltungswillen handeln. Genau diese Haltung brauchen wir – in Unternehmen, in der Politik und in der Gesellschaft.

Der persönliche Führungsstil ist ebenfalls ein Ausdruck von Haltung. Wie würden Sie ihren Führungsstil beschreiben?
Spannender wäre es vermutlich, diese Frage meinem Team zu stellen. Wenn ich selbst reflektiere, stehen für mich vor allem die Menschen im Mittelpunkt. Erfolg entsteht durch Teams – nie durch Einzelne. Deshalb gehören Respekt, Vertrauen und Demut zum Fundament guter Führung. Arroganz hingegen schafft Distanz und hemmt Zusammenarbeit.
Besonders wichtig sind mir vielfältige Teams mit unterschiedlichen Perspektiven. Wo Offenheit, Vertrauen und gegenseitige Wertschätzung gelebt werden, entsteht eine Kultur, in der Menschen ihr volles Potenzial entfalten können. Daraus wächst High-Performance.
Wichtig ist außerdem die Nähe zu den Menschen: zu unseren Kundinnen und Kunden, zu den Fahrerinnen und Fahrern, zu den Mechanikerinnen und Mechanikern in den Werkstätten. Gute Entscheidungen entstehen nicht allein am Schreibtisch oder vor dem Tablet, sondern durch den direkten Austausch mit den Menschen, die unser Geschäft jeden Tag gestalten.
Und es gibt einen weiteren Punkt: Arbeit darf und soll Freude machen. Spaß führt zu Engagement, Engagement führt zu Erfolg – und Erfolg erzeugt wiederum Spaß. Dieses positive Schwungrad ist ein enormer Antrieb für Menschen und Teams.
Führung bedeutet aber auch, Orientierung zu geben. Menschen möchten wissen, warum sie etwas tun und welchen Beitrag ihre Arbeit zum großen Ganzen leistet. Wenn Sinn, Ziel und Perspektive klar sind, entstehen Motivation, Eigenverantwortung und Begeisterung.

Wichtig ist die Nähe zu unseren Kundinnen und Kunden, zu den Fahrerinnen und Fahrern, zu den Mechanikerinnen und Mechanikern in den Werkstätten.

Ganz oben auf der Agenda sämtlicher Lkw-Hersteller steht die Umsetzung der Transformation hin zu nachhaltigen Transportlösungen. Der Nfz-Markt entwickelt sich hochdynamisch, Produktzyklen werden kürzer, Wettbewerber aus Fernost drängen in den Markt. Die Herausforderung ist die Veränderungsgeschwindigkeit?
Die Herausforderung ist tatsächlich die Geschwindigkeit. Unsere Branche verändert sich aktuell so stark wie nie zuvor. Neue Technologien, kürzere Innovationszyklen und neue Wettbewerber – insbesondere aus China – erhöhen den Veränderungsdruck spürbar. Gleichzeitig zeigt sich aber auch: Wer sich schnell anpasst und konsequent auf die Kundenbedürfnisse ausrichtet, kann daraus große Chancen entwickeln.
Die Transformation hat dabei nicht nur eine technologische, sondern auch eine geopolitische Dimension. Europa sollte bei strategisch wichtigen Bereichen wie Energie, Digitalisierung, Bildung, Logistik und Mobilität eigene Stärken ausbauen und Abhängigkeiten reduzieren. Das ist keine Diskussion gegen einzelne Länder, sondern eine Frage von Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit. Das sage ich als Europäer und nicht als Lkw-Hersteller.
Für uns bedeutet das: Innovationen schnell auf die Straße bringen, starke Partnerschaften eingehen und die Transformation aktiv gestalten. Denn diese Herausforderung kann niemand allein bewältigen.

 

Daimler Truck setzt in Sachen Dekarbonisierung des Schwerlastverkehrs auf eine Doppelstrategie. Im Vordergrund der batterieelektrische eActros 600, dahinter der Brennstoffzellen-Truck NextGenH2. Dabei gilt ‚battery first`. Bild: Daimler Truck

 

In Freising sprachen Sie von ‚Schrauben statt Schreiben‘. Also einfach mal machen?
Schrauben statt Schreiben‘ bedeutet für mich nicht einfach nur schneller zu handeln. Es bedeutet vor allem, Prozesse konsequent vom Kunden und Anwender her zu denken. Wer die Produktivität in einer Werkstatt steigern möchte, muss verstehen, wie Mechaniker arbeiten und wo im Alltag Zeit verloren geht. Deshalb entstehen gute Prozessverbesserungen nicht am Schreibtisch, sondern vor Ort. Das Ziel muss immer sein, Bürokratie und unnötigen Aufwand zu reduzieren, damit mehr Zeit für die eigentliche Wertschöpfung bleibt: für das Schrauben statt für das Schreiben.

Das Ziel muss sein, Bürokratie und unnötigen Aufwand zu reduzieren, damit mehr Zeit für die eigentliche Wertschöpfung in der Werkstatt bleibt

Daimler Truck hat kürzlich zusammen mit Faun und Remondis und weiteren Projektpartnern auf der Fachmesse IFAT ein aus recyclebaren Materialien bestehendes Müllsammelfahrzeug gezeigt. Ist der reEconic ein Versuch Lkws neu zu denken?
Der reEconic ist kein radikales ‚Neudenken‘ des Lkw, sondern ein konsequentes Weiterdenken. Wir verbinden emissionsfreien Antrieb mit Kreislaufwirtschaft und zeigen, wie nachhaltige Materialien und geschlossene Stoffkreisläufe künftig Teil der Serienentwicklung werden könnten.

 

Kreislaufwirtschaft: Der reEconic entstand in Zusammenarbeit mit Faun und Remondis. Theoretisch seien bis zu 80 Prozent der Hauptmaterialien durch recycelte Materialien ersetzbar. Das Müllsammelfahrzeug soll noch 2026 bei Remondis im Praxistest laufen. Bild: Daimler Truck

 

Zur Person

Christian Wilz ist Vorsitzender der Geschäftsleitung Mercedes-Benz Trucks Deutschland. Bild: Daimler Truck

Christian Wilz kennt das Nutzfahrzeuggeschäft aus unterschiedlichen Perspektiven. Nach seinem Studium an der Berufsakademie Stuttgart und der Ausbildung zum Nutzfahrzeugverkäufer bei DaimlerChrysler startete er seine Laufbahn im direkten Kunden- und Vertriebsgeschäft.

Es folgten verschiedene Führungspositionen bei Daimler Financial Services und der Mercedes-Benz Bank, bevor er internationale Vertriebsverantwortung für Vans, Busse und Trucks übernahm. Zuletzt verantwortete er bei Daimler Truck Financial Services das Geschäft mit integrierten Kundenlösungen in Europa und Lateinamerika.

Seit Januar 2024 ist er Vorsitzender der Geschäftsleitung von Mercedes-Benz Trucks Deutschland und verantwortet Vertrieb und Service von Mercedes-Benz Trucks in Deutschland.

 

Die Lkw-Hersteller haben erkannt, dass man nur gemeinsam weiterkommt. Es entstanden Kooperationen mit anderen OEMs die allen Marktteilnehmern zugutekommen, wie beispielsweise Milence in Sachen Ladeinfrastruktur. Aber auch in Hinblick auf die Technologie arbeitet man zusammen, wie bei Cellcentric (Brennstoffzellen) oder Coretura (software-definierte Lkw). Ein Paradigmenwechsel?

Die neueste Brennstoffzelle BZA 375 von Cellcentric. Bild: Daimler Truck

Von einem Paradigmenwechsel würde ich nicht sprechen. Unsere Branche lebt seit jeher von starken Partnerschaften und langfristigen Kundenbeziehungen. Neu ist vielmehr, dass wir diese Zusammenarbeit auf weitere Zukunftsthemen ausdehnen. Bei Themen wie Ladeinfrastruktur, Brennstoffzelle oder softwaredefinierten Fahrzeugen helfen Kooperationen dabei, schneller zu skalieren, Ressourcen zu bündeln und Innovationen zügiger in den Markt zu bringen. Wettbewerb bleibt dabei selbstverständlich bestehen.
Entscheidend ist, gemeinsam dort zu arbeiten, wo die Herausforderungen zu groß für einzelne Akteure sind. Solche Partnerschaften machen uns als Branche insgesamt stärker und helfen dabei, die Transformation schneller und erfolgreicher voranzubringen.

Kürzlich wurde die Kooperation zwischen Daimler Truck und dem Münchner Unternehmen KEYOU bekanntgegeben. Es geht um den Wasserstoff-Verbrenner HICE.40. Ist der H2-Verbrennungsmotor ein reine Brückentechnologie (der Fokus von Daimler Truck liegt auf BEV und FCEV) oder eine Alternative für die Zukunft?
Für uns ist der Wasserstoff Verbrennungsmotor keine reine Brückentechnologie, sondern eine ergänzende Lösung. Unser Fokus bleibt klar auf batterieelektrischen und Brennstoffzellen Antrieben, aber H₂ Verbrenner können dort sinnvoll sein, wo sie heute schnell und wirtschaftlich zur Dekarbonisierung beitragen.

 

Der HICE.40 auf Basis eines Mercedes-Benz Actros L 1848 als Sattelzugmaschine. KEYOU verantwortet die Adaption der 12,8 Liter-Maschine zu einem wasserstoffbetriebenen Verbrennungsmotor. Bild: Daimler Truck

 

Daimler Truck investiert gerade hohe Summen in den Ausbau des Servicenetzes. Auch hier gilt „Schrauben statt Schreiben“ – also mehr Arbeiten am Fahrzeug und weniger Regulatorik?
Für uns gehört beides zusammen. Entscheidend ist am Ende nicht die Größe eines Servicenetzes, sondern der Nutzen für den Kunden. Uptime, schnelle Reparaturen und eine hohe Ersatzteilverfügbarkeit sind für unsere Kunden geschäftskritisch. Deshalb investieren wir gezielt in den Ausbau und die Weiterentwicklung unseres Servicenetzes – sowohl in unsere eigenen Betriebe als auch in die professionellen Mercedes-Benz Truck Partner.
‚Schrauben statt Schreiben‘ bedeutet dabei, Prozesse konsequent vom Kunden und Anwender her zu denken. Unser Ziel ist es, Komplexität zu reduzieren und mehr Zeit für die Arbeit am Fahrzeug zu schaffen. Denn am Ende zählt nur eines: dass unsere Kunden erfolgreich sind.
Dafür setzen wir auf langfristige Partnerschaften, hohe Servicequalität und einfache, effiziente Prozesse. Geschwindigkeit, Verlässlichkeit und Kundennähe bleiben die entscheidenden Erfolgsfaktoren.

 

Daimler Truck investiert verstärkt in die Service-Infrastruktur. Im Bild das 2025 neu eröffnete Vertriebs- und Servicezentrum in Aschheim bei München. Bild: Daimler Truck

 

Welche Rolle kann die Digitalisierung beim Lkw-Service spielen?
Digitalisierung ist für uns kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug, um den Service für unsere Kunden besser zu machen. Sie hilft dabei, Fahrzeuge vorausschauend zu warten, Ersatzteile schneller verfügbar zu machen und Werkstattprozesse effizienter zu gestalten.
Gleichzeitig unterstützt sie unsere Mitarbeitenden im Alltag, damit sie mehr Zeit für den Kunden und das Fahrzeug haben. Auch hier gilt das Prinzip ‚Schrauben statt Schreiben‘. Am Ende zählt, dass wir Standzeiten reduzieren, die Verfügbarkeit erhöhen und unseren Kunden maximale Uptime bieten.

Das Truck-Geschäft bleibt People Business

Trotz aller technologischen Veränderungen: „Truck-Business ist People Business“, sagten Sie in Freising. Es kommt also mehr denn je auf den persönlichen Kontakt an?
Ja, auf jeden Fall! Unsere Branche basiert auf langfristigen Partnerschaften und darauf, dass die Geschäftsmodelle unserer Kunden zuverlässig funktionieren – oft über viele Jahre hinweg. Genau deshalb werden wir an unserem Markenversprechen ‚Trucks you can trust‘ gemessen.
Vertrauen, Verlässlichkeit und Kundennähe entstehen nicht durch Technologie allein, sondern durch Menschen. Durch Kolleginnen und Kollegen, die jeden Tag für unsere Kunden da sind und Verantwortung übernehmen. Deshalb bleibt das Truck-Geschäft auch in Zukunft vor allem eines: People Business.

Aus guter Tradition am Ende noch zwei persönliche Fragen: Über was haben Sie sich kürzlich am meisten gefreut, über was am meisten geärgert?
Ärgern ist eigentlich keine Kategorie, in der ich gerne denke. Vielmehr frage ich mich regelmäßig, was wir oder ich noch besser machen können. Kommunikation kann immer klarer sein, Entscheidungen manchmal noch schneller getroffen werden und auch der Mut, den Status quo konstruktiv herauszufordern, darf nie verloren gehen. Insofern bin ich mit mir selbst oft kritischer als mit Anderen. Besonders gefreut habe ich mich zuletzt über die vielen Begegnungen mit Menschen, die mit Leidenschaft und Überzeugung an der Zukunft unserer Branche arbeiten – in den Werkstätten, im Service, im Verkauf oder bei unseren Kunden. Solche Begegnungen geben Energie, schaffen Zuversicht und zeigen, wie viel Potenzial in unserer Branche steckt.

 

Den Beitrag finden Sie auch in der Print-Ausgabe 3-2026 der Krafthand-Truck.