

Wirtschaftlich und klimafreundlich unterwegs!
Steigende Kosten, ambitionierte Klimaziele und wachsende Berichtspflichten setzen Speditionen, Logistikunternehmen und Fuhrparkbetreiber zunehmend unter Druck. Ein oft unterschätzter Kostenblock ist die Bereifung. Die Anschaffung, Wartung und der Wechsel von Reifen machen bis zu fünf Prozent der Gesamtbetriebskosten eines Fuhrparks aus. Die Runderneuerung von Nutzfahrzeugreifen bietet hier eine ökonomisch wie ökologisch interessante Lösung. Sie verbindet Kostenreduktion, Ressourcenschonung und gesetzliche Konformität – ohne Abstriche bei Sicherheit, Qualität und Leistung.
Der Reifenersatzmarkt für Nutzfahrzeuge in Deutschland zeigt sich Anfang 2025 in einer Phase der Konsolidierung. Das Segment der Nfz-Neureifen hat sich auf einem stabilen Niveau eingependelt. Runderneuerte Nfz-Reifen verzeichneten zuletzt leichte Rückgänge, obwohl sie nicht nur ökologisch klare Vorteile bieten. Ein wesentlicher Grund hierfür ist der steigende Wettbewerbsdruck durch günstige Importreifen aus Drittländern, die häufig preislich attraktiver erscheinen, jedoch nicht die gleiche Ressourceneffizienz aufweisen.
Kosteneffizienz mit Nachhaltigkeit
Deutschland bleibt der größte Reifenmarkt Europas. Doch Standortschließungen und Stellenabbau bei Herstellern sowie eine veränderte Nachfrage, etwa durch den Trend zu Ganzjahresreifen im Transportersegment zeigen, dass sich der Markt im Umbruch befindet. Dadurch steht die Runderneuerung – eine vor über 100 Jahren in Deutschland entwickelte Technologie – unter kurzfristigem Druck, bietet aber langfristig erhebliche Chancen im Kontext von Kosteneffizienz und Kreislaufwirtschaft.
Aus Sicht von Yorick Lowin, Geschäftsführer des Bundesverbands Reifenhandel und Vulkanisierhandwerk (BRV), steht „die Branche wirtschaftlich solide da – aber die Zukunft gehört Lösungen, die Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit verbinden. Die Runderneuerung ist dafür ein zentraler Baustein. Wer die Wirtschaftlichkeit seiner Flotte verbessern will, kommt an der Runderneuerung nicht vorbei – sie verbindet Kosteneffizienz mit Nachhaltigkeit.“

Kostenvorteile durch Mehrfachnutzung der Karkasse
Der zentrale wirtschaftliche Vorteil runderneuerter Nutzfahrzeugreifen liegt laut der Initiative Allianz Zukunft Reifen (AZuR) in der Mehrfachnutzung hochwertiger Karkassen. Qualitäts-Lkw-Reifen sind so konstruiert, dass sie mehrere Lebenszyklen durchlaufen können. Durch die zweifache Runderneuerung eines Qualitäts-Neureifens lassen sich die Bereifungskosten um nahezu 30 Prozent senken – bei identischer Laufleistung und Performance. Zusätzlich entfällt die Entsorgung der eigenen Karkassen, was weitere Kosten spart.
Wäre jeder zweite Lkw in Deutschland mit runderneuerten Reifen unterwegs, könnten jährlich bis zu 2,6 Millionen Tonnen CO₂ und große Mengen Rohstoffe eingespart werden, während gleichzeitig die Reifen-Betriebskosten sinken. (Christina Guth, Netzwerk-Koordinatorin bei AZuR)
Über 60 Prozent weniger CO₂-Emissionen
Neben den Kostenvorteilen bietet die Runderneuerung messbare ökologische Effekte. Eine Studie des Fraunhofer-Instituts UMSICHT im Auftrag von AZuR und der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) hat ergeben, dass die Runderneuerung gegenüber der Herstellung vergleichbarer Neureifen über 60 Prozent CO₂-Emissionen vermeidet, rund zwei Drittel weniger Rohstoffe benötigt und etwa 50 Prozent Energie einspart. Pro runderneuertem Lkw-Reifen bedeutet das rund 135 Kilogramm weniger CO₂. Damit wird die Runderneuerung zu einem direkten Hebel für die CO₂-Reduktion im Straßengüterverkehr – ohne Änderungen an Fahrzeugtechnik oder Antrieb.

Qualität und Sicherheit auf Neureifenniveau
Die moderne Runderneuerung ist ein hochautomatisierter, zertifizierter Prozess. Dabei durchläuft jede Karkasse mehrere Prüf- und Fertigungsschritte. Zu Beginn erfolgt die Eingangskontrolle mit Shearografie, Röntgen und visueller Prüfung. Danach erfolgt das computergesteuerte Entfernen des Altgummis sowie optional die Reparatur der Karkasse. Jetzt wird die neue Lauffläche aufgebracht und im Heiß- oder Kalterneuerungsverfahren vulkanisiert. Abschließend erfolgt eine Qualitätsprüfung nach ECE-Normen R109/R117.
Im Ergebnis entsprechen die Laufflächenprofile der Runderneuerten Pneus denen vergleichbarer Neureifen. Runderneuerte Nutzfahrzeugreifen sind für alle Achspositionen und Einsatzbereiche verfügbar. In der Fraunhofer-Studie erreichten runderneuerte Lkw-Reifen zudem dieselbe Rollwiderstandsklasse wie vergleichbare Neureifen.
Investitionen in die Zukunft
Zahlreiche Unternehmen investieren in die Runderneuerung. Ein Leuchtturmprojekt ist beispielsweise das neue Werk der Rigdon GmbH in Pfaffenhofen zur Bearbeitung von Pkw-, Lkw- und EM-Reifen. In einem ehemaligen Lidl-Lager entsteht für rund 35 Millionen Euro ein KI-gestützter Produktionsstandort. Bis zu einer Million runderneuerte Pkw-Reifen sollen dort künftig im Jahr hergestellt werden. Für Günter Ihle, Geschäftsführer bei Rigdon, ist das Werk „ein klares Signal: Die Runderneuerung kommt im industriellen Maßstab zurück. Gerade angesichts steigender Rohstoffpreise und wachsender CO₂-Kosten gewinnt die Mehrfachnutzung von Karkassen massiv an Bedeutung.“ Auch die RULA-BRW GmbH investiert in die Technologie. „Unser Ziel ist es, die Runderneuerung als wirtschaftlich und ökologisch überlegene Lösung fest im Markt zu etablieren“, so Geschäftsführer Detlef Biermann.
Das Ringtread-System

Beim Ringtread-System von Marangoni handelt es sich um ein Verfahren, bei dem die Lauffläche nicht als Profilstreifen, sondern als nahtlos geschlossener Ring vorgefertigt wird. Die ringförmige Lauffläche wird in einem Stück auf die vorbereitete Karkasse aufgebracht – ohne Stoßstellen oder Verbindungsnähte. Der Vorteil ist laut Marangoni eine gleichmäßige Materialverteilung und eine optimale Aufstandsfläche, was sich positiv auf Rollwiderstand und Laufleistung auswirkt. Hinzu kommen reduzierte Vibrationen sowie ein optimiertes Verschleißbild über die gesamte Lebensdauer des Reifens. Durch die präzise industrielle Vorfertigung der Laufflächen unter kontrollierten Bedingungen wird zudem eine konstant hohe Qualität sichergestellt. „Mit unserem Ringtread-System bieten wir eine Lösung, die höchste Qualität, gleichmäßige Performance und maximale Wirtschaftlichkeit vereint“, so Clemens Zimmermann von Marangoni.
Best practice: Die Berliner Stadtreinigung
Die Berliner Stadtreinigung (BSR) gilt als einer der größten kommunalen Anwender runderneuerter Reifen in Deutschland. Rund 83 Prozent der Fahrzeuge – darunter Müllfahrzeuge, Streufahrzeuge und Spezialfahrzeuge, sind auf runderneuerten Markenreifen unterwegs. Das Ziel sei eine geschlossene Kreislaufwirtschaft im eigenen Fuhrpark zu realisieren.

Politische Rahmenbedingungen
Die Runderneuerung von Reifen sei laut AZuR ein Paradebeispiel für die Umsetzung einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft, die auch ökonomische Vorteile bietet. Dennoch leidet die KMU-basierte Runderneuerungsbranche unter Überregulierung, Bürokratie, hohen Energiepreisen, Billig-Importreifen und mangelnder Unterstützung von Seiten der Politik.
Zuletzt hat die Politik bereits wichtige Signale gesetzt: Seit 2023 erlaubt die EU die rechtssichere Nutzung runderneuerter Reifen in der öffentlichen Beschaffung. 2025 wurde bestätigt, dass sie den Anforderungen der EU-Taxonomie entsprechen und somit rechtssicher eingesetzt werden können. Zudem steht die Runderneuerung von Lkw-Reifen im Einklang mit den Zielen der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS).
Damit die Runderneuerung in Deutschland ihr volles Potenzial entfalten kann, braucht es klare politische Leitplanken. Die Allianz Zukunft Reifen (AZuR) fordert deshalb die Gleichstellung mit Neureifen in Regulierung und Förderung und ein Exportverbot von Altreifen in Nicht-EU-Staaten. Dabei sollen in Europa anfallende Altreifen auch in Europa runderneuert werden. Nicht zuletzt müssten alle importierten Neureifen runderneuerungsfähig sein. Die Einführung steuerlicher Vorteile für runderneuerte Reifen, die Bevorzugung runderneuerter Pneus in öffentlichen Ausschreibungen sowie verbindliche Einsatzquoten im öffentlichen Sektor ergänzen den Forderungskatalog. „Wir brauchen keine Subventionen, sondern faire Rahmenbedingungen. Die Runderneuerung ist ein funktionierendes Modell der Kreislaufwirtschaft – jetzt muss die Politik sie konsequent unterstützen“, so Christina Guth.
Im Übrigen: Die Initiative ‚Allianz Zukunft Reifen‘ (AZuR) ist auf der ‚The Tire Cologne‘ in Halle 7.1, Stand C031 und B038 zu finden.
Den Beitrag finden Sie auch in der Print-Ausgabe 2-2026 der Krafthand-Truck.








