

„Wir ermöglichen unseren Kunden einen einfacheren Zugang zum Portfolio.“
BorgWarner präsentierte auf der Automechanika in Frankfurt sein erweitertes Aftermarket-Portfolio sowie aktuelle Technologielösungen. Gezeigt wurden beispielsweise (e-) Turbolader, Lösungen für das Abgasmanagement, Getriebekomponenten sowie Thermomanagement- und Zündsysteme. Wir haben mit Stefan Nowack, Head of Global Product Management Aftermarket über die Strategie, neue Produkte, die Zukunft des Lkw-Marktes sowie über Persönliches gesprochen.
Herr Nowack, Sie sind bei BorgWarner weltweit für das Produkt Management im Bereich Aftermarket verantwortlich. Was gehört alles zu Ihren Aufgaben?
Ich verantworte weltweit alle Produktlinien im Bereich BorgWarner Aftermarket. Dazu gehören die Steuerung der Portfolioentwicklung, die Markteinführungen sowie die Wachstumsstrategien. Dabei arbeite ich eng mit unseren Kunden, dem Vertrieb, dem Engineering sowie dem Programm-Management auf globaler Ebene zusammen. Wir stellen sicher, dass unsere OE-Kompetenz in marktfähige Aftermarket-Lösungen übertragen wird. Unser Fokus liegt auf dem Kundennutzen, den Werkstattanforderungen sowie der Fahrzeugabdeckung, Verfügbarkeit und der technischen Unterstützung von Spezialisten-Kanälen. Unser gemeinsames Ziel ist der Ausbau und die Entwicklung des Produktportfolios sowie die Entwicklung neuer Geschäftsmöglichkeiten im Aftermarket.
Die Anforderungen für Nfz-Werkstätten steigen. Dies gilt für das Diagnose-Equipment und das Fachwissen generell.
Was steckt hinter der Strategie ‚One BorgWarner Aftermarket‘ und was ändert sich in Hinblick auf den Nutzfahrzeug-Bereich?
Unser Ziel ist es, unseren Kunden einen einfacheren Zugang zum gesamten BorgWarner Portfolio zu ermöglichen. Statt über einzelne Produktbereiche die notwendigen Ersatzteile zu beziehen, haben alle unsere Kunden in Zukunft mit ‚One BorgWarner Aftermarket‘ einen zentralen Bereich und Ansprechpartner für das Aftermarket Portfolio. So erhalten unsere Kunden Zugang zu mehr Produkten, einen zentralen Support über ein gemeinsames Vertriebsnetz. Für den Nutzfahrzeugbereich bedeutet das ein erweitertes Angebot aus einer Hand. Werkstätten und Großhändler profitieren von einer vereinfachten Beschaffung und weniger Komplexität. Gleichzeitig bringen wir unsere OE-Erfahrung stärker in den freien Ersatzteilmarkt ein.
Zur Person – Stefan Nowack

Stefan Nowack verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der internationalen Automobil- und Aftermarket-Branche.
Seine berufliche Laufbahn begann er als Kfz-Mechaniker. Nach seinem Studium wechselte er in die Entwicklung und den technischen Vertrieb bei BorgWarner Turbo Systems. Anschließend war er in verschiedenen Führungspositionen in der Produkt- und Applikationsentwicklung bei Siemens VDO, Continental und IHI Charging Systems International tätig.
Ab 2013 verlagerte sich sein beruflicher Schwerpunkt zunehmend auf strategische Führungsaufgaben bei Continental Powertrain und Vitesco Technologies, wo er unter anderem als Head of Independent Aftermarket tätig war. Von 2025 bis 2026 verantwortete er bei Schaeffler im Geschäftsbereich Vehicle Lifetime Solutions als Head of Business Launch Management die Markteinführung von Aftermarket-Produkten.
Seit Juli 2026 ist Stefan Nowack bei BorgWarner als Head of Global Product Management Aftermarket tätig.
Es geht auch um die Verbesserung des Kundenerlebnisses?
Absolut. Kunden erwarten heute nicht nur hochwertige Teile, sondern auch einfache Prozesse.
Daher investieren wir in digitale Produktinformationen und einen erweiterten Online-Katalog. Ein schnelleres Auffinden der richtigen Teile reduziert Fehler und spart Zeit. Gleichzeitig bauen wir die Unterstützung mit technischen Informationen aus und untersuchen zukünftige, produktspezifische Schulungsangebote. Unser Ziel ist es, Werkstätten und Handelspartner im Tagesgeschäft bestmöglich zu unterstützen
Ich habe Freude daran, neue Themen anzustoßen, Dinge aufzubauen und Veränderungen aktiv voranzutreiben.
Sie erweitern das Produktportfolio für den Aftermarket im Bereich Nutzfahrzeuge. Um welche Produkte geht es?

Es geht um die kontinuierliche Portfolioerweiterung im Bereich Boosting-Technologies mit Turbolader, Reman-Turbolader und Repair-Kits. Hinzu kommt der Ausbau der Produktpalette im Bereich Exhaust-Gas-Management, der aktuell AGR-Ventile, AGR-Kühler sowie AGR-Module beinhaltet. Auch das Thema Thermal-Management mit Lüftern und Lüfterkupplungen haben wir im Blick. Hinzu kommen Steuerketten, Steuerkettensysteme, Kettenspanner sowie Führungsschienen (Engine-Timing-Systems). Zusätzlich planen wir den Bereich Power-Electronics, dessen Produkte heute schon im Aftermarket verfügbar sind, sowie diverse Hochvolt-Anwendungen (High-Voltage-Inverter, Motor-Controller, DC/DC-Converter und E-Motoren) für Nutzfahrzeuge, Busse und Off-Highway Anwendungen, fortzuführen und zu erweitern.

Welche Rolle spielt die Marke BERU? Die Vertriebsrechte liegen seit kurzem wieder vollständig bei BorgWarner.
BERU ist eine traditionsreiche Marke mit jahrzehntelanger Expertise. BorgWarner besitzt sie wieder vollständig und hält exklusiv die Vertriebsrechte. BERU wird gezielt als Marke für Zünd- und Diesel-Kaltstarttechnologien weiterentwickelt. Kunden profitieren von einer klaren Positionierung, einem direkten Zugang über das BorgWarner-Netzwerk sowie die zukünftigen Portfolio-Ergänzungen. Für 2026 sind zum Beispiel über 235 neue BERU-Produkte geplant.
In Frankfurt war mit dem HET70 CV ein Turbolader für Nutzfahrzeuge zu sehen. Es ist kein klassischer VTG-Lader mit einzeln verstellbaren Leitschaufeln, vielmehr wird die Ladeleistung über einen Verschiebering verändert. Wie funktioniert die Mechanik und welche Vorteile bietet sie?
Der ausgestellte Prototyp eines HET70-Turboladers (HET steht für High-Efficient-Turbo, ‚70‘ beschreibt die Baugröße), ist eine aktuelle Serienentwicklung für Nfz-Anwendungen. Der Turbo nutzt eine axial verschiebbare, variable Turbinengeometrie, um den Ladedruck an den jeweiligen Motorbetrieb anzupassen. Es handelt sich um kein System mit drehbaren Leitschaufeln. Ein axial verschiebbares Bauteil mit feststehender ‚Beschaufelung‘ wird dabei in den Strömungsquerschnitts des Turbinengehäuses eingeschoben. Durch die feststehende, axial verschiebbare Schaufelanordnung wird der Überströmquerschnitt auf das Turbinenrad verengt und der Abgasstrom an den jeweiligen Betriebszustand des Motors angepasst. Dies ermöglicht einen schnellen Ladedruckaufbau bei niedrigen Drehzahlen sowie eine optimale Durchströmung bei hoher Last und verbessert damit Leistung, Effizienz und Fahrbarkeit des Motors.
Im Detail steht bei niedriger Drehzahl nur wenig Abgasenergie zur Verfügung. Das verschiebbare Bauteil verkleinert den Abgaskanal, wodurch die Abgase schneller auf das Turbinenrad strömen und der Turbolader früher Ladedruck aufbaut. Das Ansprechverhalten des Motors und die Effizienz durch ein hohes Drehmoment verbessern sich.
Bei hohen Drehzahlen hingegen fallen große Abgasmengen an, der ‚Schiebe VTG‘ öffnet den Strömungskanal, sodass die Abgase ungehindert durch den gesamten Querschnitt der Turbine strömen können. Dadurch wird ein zu hoher Abgasgegendruck und eine Überlastung des Turboladers vermieden. Über die Verstellung wird eine hohe Effizienz über den gesamten Betriebsbereich des Motors sichergestellt. Zudem ist die Konstruktion des HET70-Turboladers sehr robust und langlebig. Er eignet sich besonders für Nutzfahrzeuge mit schweren Dieselmotoren.

Speziell bei Turboladern spielen die Toleranzen, die Lagerung, die Materialien und die Schmierung der Läuferwelle eine zentrale Rolle. Es geht um mehr als um Hundertstel?
Ja, moderne Turbolader arbeiten mit extrem hohen Drehzahlen und Temperaturen. Kleinste Abweichungen können die Effizienz und Lebensdauer beeinflussen. Deshalb spielen Präzision, Materialqualität und Fertigungs-Know-how eine entscheidende Rolle. Unsere OE-Erfahrung hilft uns dabei, höchste Qualitätsstandards sicherzustellen. Gerade im Nutzfahrzeugbereich sind Zuverlässigkeit und Laufleistung zentrale Anforderungen.
BorgWarner setzt mit dem Reman-Programm auch auf die Wiederaufbereitung, speziell bei Turboladern und AGR-Modulen. Wo liegen die Grenzen und wie können Nfz-Werkstätten profitieren?
Reman ist ein wichtiger Bestandteil unserer nachhaltigen Aftermarket-Strategie. Die wiederaufbereiteten Komponenten werden nach definierten Qualitätsstandards geprüft und überarbeitet oder, wenn notwendig, werden einzelne Bauteile ersetzt. Die Voraussetzung ist, dass die Kernkomponenten technisch wiederverwendbar sind. Nutzfahrzeug-Werkstätten profitieren von einer wirtschaftlichen Alternative zum Neuteil bei gleichzeitig hoher Qualität und nachhaltiger Reparaturlösung. Zudem werden Ressourcen geschont und Materialkreisläufe unterstützt. Besonders bei Turboladern und bestimmten Abgasmanagement-Komponenten bietet Reman große Potenziale.

Wo geht die Reise im Nutzfahrzeugbereich hin und was bedeutet dies für den Nfz-Aftermarket und die Nutzfahrzeugwerkstätten?

Der Nutzfahrzeugbereich befindet sich aktuell in einem grundlegenden Wandel. Die Herausforderung ist, verschiedenen Marktentwicklungen parallel gerecht zu werden. Die Dekarbonisierung der Antriebe (BEV, Wasserstoff, effizientere Verbrenner) deren Lösungen in Abhängigkeit der Fahrprofilanforderungen technologisch different sein können, ist ein Aspekt. Damit werden in den Werkstätten ein diversifiziertes Know-How und gesonderte Qualifikation erforderlich, um der Bandbreite der Antriebslösungen gerecht zu werden und den notwendigen Service bieten zu können. Was heute schon teilweise in der Entwicklung von immer mehr vernetzten und softwarebasierten Fahrzeugen mit steigendem Elektronik- und ADAS-Anteil in den Werkstätten angekommen ist, wird in der Zukunft noch höhere Qualifikationen in Bezug auf Diagnose-Equipment und Fachwissen für die Werkstatt bedeuten.
Der Aftermarket wandelt sich von einem überwiegend mechanisch geprägten Ersatzteilgeschäft hin zu erweiterten Ersatzteil- und Reparaturlösungen.
Die höhere Komplexität sowie für die verschiedenen Anwendungen die richtige Daten-, Software- und Diagnose-gestützte und zeitwertgerechte Ersatzteillösung zu realisieren, ist eine weitere Herausforderung. In Bezug auf Flotten könnten hier sogar noch erweiterte, serviceorientierte Lösungsansätze erforderlich sein.
Aus guter Tradition am Schluss noch eine persönliche Frage: Über was haben Sie sich kürzlich am meisten geärgert, über was am meisten gefreut?
Die zunehmenden Staus und Baustellen und der damit verbundene, nicht planbare, Zeitverlust – das ärgert mich. Am meisten freut mich aktuell mein hochmotiviertes und kompetentes Team, das mich positiv auf die kommenden Herausforderungen blicken lässt. Gemeinsam werden wir weitere Aftermarket Lösungen realisieren.
Den Beitrag finden Sie auch in der Print-Ausgabe 4-2026 der Krafthand-Truck.









