

TOTAL BREAK DOWN?

Regelmäßig fallen im Rahmen von Stichproben Fahrzeuge mit gravierenden Mängeln an der Bremsanlage auf. Die Technische Unterwegskontrolle (RL 2014/47/EU) stellt die gesetzliche Grundlage zur Kontrolle von Nutzfahrzeugen auf Straßen und Parkplätzen dar. Sie wird von der Polizei oder dem BALM (Bundesamt für Logistik und Mobilität – früher BAG) durchgeführt. Marco Mayans Sanchez hat im Laufe der Jahre unzählige Schäden an Bremssystemen dokumentiert. Sie reichen vom simplen Verschleiß der Bremsbeläge bis hin zu gerissenen Bremsscheiben oder komplett funktionslosen Bremsen. In ‚Blickpunkt Bremse – Teil 2‘ erfahren Sie mehr zum Thema ‚Schäden an Bremssystemen bei Lkw und Trailer‘.
Fokus: Lkw-Bremsanlage

Bevor man sich der eigentlichen Bremsanlage widmet empfiehlt es sich, die vordere Motorklappe zu öffnen. Hier lassen sich die Rückseite des Fußbremsmoduls und die angeschlossenen Druckluftleitungen sichtprüfen. In der Vergangenheit sind bei mangelhaft verlegten Druckluftleitungen bereits angescheuerte Leitungen festgestellt worden.
Die Radbremse an der Vorderachse eines Lkw lässt sich durch die Felgenlöcher sehr gut begutachten. Teilweise ist auch der Bremsbelag sichtbar. Der Verschleiß der Beläge ist oftmals auch über das Kombiinstrument auslesbar, was jedoch keine optische Begutachtung ersetzt. Die Prüfung der Bremszange und der Radbremszylinder erfolgt von unten. Bei der Bremszange muss man auf die Freigängigkeit und Spielfreiheit achten. Gleichzeitig müssen die vorgegebenen Werte des Lüftspiels eingehalten werden.

An der Antriebsachse des Lkw sind die gleichen Checks vorzunehmen. Bauartbedingt ist die hier Sicht auf die Bremsanlage jedoch meistens stark eingeschränkt. Die Rückseite ist zudem meistens mit einem Abdeckblech versehen. Mit Hilfe eines Inspektionsspiegels oder eines Endoskops kann jedoch eine Sichtprüfung des Tragbilds und der Bremsbeläge vorgenommen werden.
Beim Betätigen der Betriebsbremse durch einen Helfer oder einer Helferin lässt sich das Anlegen der Bremsbeläge an die Scheibe optisch checken. Treten starke Bewegungen (Verkantungen, etc.) auf, muss die Führung geprüft werden. Festgestellte Mängel bei der Dichtheitsprüfung der Betriebs- sowie Feststellbremse sind ein Indikator auf eine mögliche Beeinträchtigung der Bremsanlage. Treten beim Betätigen der Betriebs- oder Feststellbremse hörbare Druckluftverluste auf, müssen diese genau lokalisiert werden.

Zu den Teilen der Bremsanlage gehören auch die Luftkessel, das Vierkreisschutzventil, oder der Achsmodulator. Übermäßige Korrosion und beeinträchtigte Befestigungselemente an Luftkesseln treten häufig auf. Zusätzlich muss man auf das Vierkreisschutzventil achten. Es muss ebenfalls dicht sein, der Druckaufbau muss entsprechend gegeben sein. Je nach Hersteller muss auch der Kompressor einer Sichtkontrolle unterzogen werden. Eine Funktionsprüfung erfolgt im Rahmen des Druckaufbaus.
Fokus: Trailer-Bremsanlage
Bei der optischen Diagnose der Bremsanlage an Trailern ist ein Rollbrett zu empfehlen. Bei speziellen Anhängern, wie sie zum Beispiel bei Schwertransporten, ist eine optische Inaugenscheinnahme der Bremsanlage nur zum Teil oder gar nicht möglich. Verfügen die Trailer über eine Scheibenbremse, lässt sich das äußere Tragbild durch die Felgenlöcher einsehen.
Beispiel: Sonderfall Liftachse
Bei Sattelanhängern, die nur teilbeladen oder leer bewegt werden ist es möglich, die erste Achse im Fahrbetrieb anzuheben. Somit wird auch die Bremse an der Achse nicht betätigt. Deshalb Ist Bremsscheibe oft stark verrostet. Die Bremse weist demnach auch keine Abstrahlungswärme auf, wenn man sie kurz nach dem Stopp mit einer Wärmebildkamera untersucht.


Die Beurteilung des Tragbilds der Bremsbeläge unterscheidet sich nicht von der Art des Fahrzeugs. Eine geringe Riefenbildung oder auch ein leichter Rostansatz ist für den Weiterbetrieb unbedenklich. Auch Hitzerisse und radial verlaufende Risse bis 1,5 mm Breite und Tiefe sind bedingt zulässig. Durchgehende Risse sind ein ‚No-Go.‘ Die Mindestbremsbelag-Stärke beträgt 2 mm. Bei der Sichtprüfung muss darauf geachtet werden, dass der Belagträger nicht mit einbezogen wird. Der Wert bezieht sich nur auf die Reibfläche! Detaillierte Informationen sind in den Produktinformationen der Bremsenherstellern zu finden.
Dichtheitsprüfung

Auch beim Anhänger ist die Dichtheitsprüfung des Bremssystems von entscheidender Bedeutung. Beanstandet werden oftmals angescheuerte Druckluftleitungen oder undichte Bremszylinder. Die Betriebsbremse kann über das Bremspedal im Führerhaus oder über das Park/Rangierventil (Anhängerbremsventil, schwarzer Betätigungskopf) unter Druck gesetzt und gecheckt werden. Zur Betätigung der Feststellbremse muss sie über das Park- und Rangierventil beziehungsweise über den Feststellbremsknopf (roter Betätigungsknopf) von außen aktiviert werden. Ein Aktivieren der Feststellbremse im Führerhaus mittels Feststellbremshebel löst im Anhänger die Betriebsbremse aus.
Sind beim Trailer Scheibenbremsen verbaut, gleicht die Prüfung der Bremsanlage der beim Lastkraftwagen. Eine Verschleißanzeige am Bremssattel beziehungsweise der Bremszange (oder auch an den Führungshülsen) geben einen ersten Hinweis auf eine verschlissene Bremsanlage.
Die Bremszylinder

Die Prüfung der Befestigung der Bremszylinder muss zwingend im unbetätigten Zustand durchgeführt werden, da sich sonst die Bremszylinder verspannen und dadurch eine lockere Befestigung nicht erkannt wird. Das Gehäuse der Bremszylinders darf nicht übermäßig korrodiert sein. Bei Federspeicher-Bremszylindern lohnt sich ein Blick in die Bohrung der Notlöseeinrichtung. Ist der Zugang durch die innenliegende Feder verdeckt, liegt ein Mangel vor, welcher sich auch auf die Funktion der Feststellbremse auswirkt. Ist die Lösespindel nicht vorhanden, liegt ebenfalls ein Mangel vor, da sie im Falle eines Fehlers nicht verwendet werden kann.
Achtung! An einer Achse müssen immer Bremszylinder der gleichen Größe verbaut sein. Unterschiedliche Bremszylinder habe eine unmittelbare Auswirkung auf die Übertragung der Bremskräfte. Das Fahrzeug könnte einseitig ziehen. Bei einer Abweichung müssen zwingend weitere Prüfungen auf die Zulässigkeit und Funktion vorgenommen werden.

Der Autor
Marco Mayans Sanchez ist gelernter Kraftfahrzeugmechatroniker und Kraftfahrzeugtechniker-Meister.
Er hat unter anderem als stellvertretender Werkstattleiter bei einem großen Ford-Händler in Nürnberg gearbeitet. Seit 2020 ist Mayans Sanchez im Bereich der Verkehrsüberwachung tätig. Im regulären Streifendienst überwacht er bei der Polizeiinspektion Nürnberg Nutzfahrzeuge aller Art und ist für die technische Untersuchung zuständig.
Besonderheiten bei Trommelbremsen

Nach wie vor sind Trommelbremsen auch bei Neufahrzeugen weit verbreitet. Geringe Wartungskosten und der praktische Einsatz gerade im Baustellenbereich sprechen für diese Bauart. Zudem hat sich die Effizienz von Trommelbremsanlagen deutlich verbessert.
Die Überprüfung der Bremszylinder gestaltet sich etwas einfacher, da sie auf dem Achsträger montiert sind. Sie ähnelt der bei Scheibenbremsen. Sind die Bremszylinder an den korrekten (gleichen) Bohrungen montiert und haben die Kolbenstangen ausreichend Platz zum Achskörper? Auch hier muss der Bremszylinder festmontiert sein. Gelegentlich kommt es vor, dass die Aufnahme der Zylinder (Schweißnaht) am Achskörper beschädigt oder gar gerissen ist.
Häufig werden die Staubmanschetten der Kolbenstangen beanstandet. Sind sie beschädigt, dringt Spritzwasser ins Innere ein und kann zu Korrosion und letztendlich zum Ausfall des Bremszylinders führen.

Kommen an der Rückseite der Trommelbremse Abdeckbleche zum Einsatz und neigen sie sich sichtbar zur Fahrzeugmitte hin, muss die Lagerung der Bremsbeläge genauer in Augenschein genommen werden. Das gilt auch, wenn bereits an einer Radbremse die Abdeckung fehlt.
Letztendlich müssen die Herstellervorgaben für die automatischen Gestängesteller (AGS) beachtet werden. Die Auswirkungen einer falsch eingestellten Trommelbremse müssen bekannt sein.
Vorausschau: Gestängesteller bei Trommelbremsen und Elektrik
Der automatische Gestängesteller (BPW, Haldex und WABCO) spielt für die Funktion von Trommelbremsen eine zentrale Rolle. Wie die Überprüfung und Einstellung funktioniert erfahren Sie in der Krafthand 2-2026, Blickpunkt Bremse – Teil III. Der Beitrag beschäftigt sich auch mit der Spannungsversorgung der Bremsanlage. Am Ende erfolgt die Einstufung der Mängel. Der Beitrag schließt die Reihe zur Unterwegskontrolle der Bremsanlage ab. Have a break!
Den Beitrag finden Sie auch in der Print-Ausgabe 1-2026 der Krafthand-Truck.











