Rostverschweißte Schraub- und Bolzenverbindung
‚Rostverschweißte‘ Schraubund Bolzenverbindungen gehören zum täglichen Brot von Nutzfahrzeugprofis. Mit dem Handstück des Induktionheizers lässt sich ‚lösende‘ Wärme flammen los dahin bringen, wo sie am effektivsten wirkt. Bild: Kuss
Problemlösung

Korrosionsknacker

Festgefressene Schrauben, Muttern, Bolzen und Gewinde stellen Werkstattprofis bisweilen vor sprichwörtlich ‚unlösbare‘ Aufgaben. Doch der ‚gute alte Schweißbrenner‘ ist bei modernen Nutzfahrzeugen wegen der häufig vorkommenden Kollateralschäden in unmittelbarer Nähe des bearbeiteten Bauteils immer seltener der richtige Problemlöser. Viel schneller, sicherer und besser lassen sich solche Aufgaben mit einem elektrischen Induktionsheizgerät lösen.

Korrosion und Rost gehören zu den natürlichen Feinden eines Werkstattprofis, speziell bei der Nutzfahrzeug-Reparatur. Unlösbar festgebackene Schraubverbindungen, gnadenlos festkorrodierte Haltebolzen, ‚rostverschweißte‘ Rohrverbindungen, schwergängige Gelenke, verklebte Pass- und Schraubverbindungen von Hydraulikleitungen, verrottete Schmiernippel ohne Durchgang – die Liste ließe sich noch endlos fortsetzen. Eines haben all diese Probleme gemeinsam: Sie erfordern einerseits das Geschick und die Erfahrung des Werkstattfachmanns und – wenn Prellschläge, Schlagschrauber-Dauerbeschuss und selbstgebaute Abzieher keine Wirkung zeigen und auch die ‚allmächtige Rostlöse-Chemie‘ ihre Flügel streichen muss – häufig auch den gezielten Einsatz von Wärme.

Bolzen an Ladebordwand
Je älter der Bolzen, desto grauer die Haare des Mechanikers. Diese Binsenweisheit gilt ganz besonders für die Bolzen an Ladebordwänden oder der Pressvorrichtung von Müllsammlern. Hier kann Induktionshitze ihre Vorteile gegenüber der offenen Brennerflamme ausspielen. Bild: Vauquadrat

Lange Zeit galt für solche Fälle der Schweißbrenner als das Mittel der Wahl. Doch bei modernen Nutzfahrzeugen gestaltet sich der Einsatz einer offenen Flamme angesichts armdicker Kabelstränge, büschelweise verbauten Druckluftleitungen und Hydraulikschläuchen, empfindlicher Kunststoffkomponenten, soweit das Auge reicht, und immer weniger Platz zum Schrauben, zunehmend problematisch. Induktionsheizgeräte, mit denen sich die ‚lösende‘ Hitze punktgenau und ohne die Gefahr teurer Kollateralschäden genau dort einbringen lässt, wo sie am effektivsten wirken kann, avancieren deshalb in Nutzfahrzeug-Werkstätten immer mehr zu ‚Universal-Problemlösern‘.

Tiefenwirkung statt Gelbglut

Spätestens seit der Erfindung der Induktionsherdplatte ist bekannt, dass sich Hitze auch elektromagnetisch – und damit flammenlos – erzeugen lässt. Doch wer einen Induktionsheizer nur als ‚sündteuren‘ elektrischen Ersatz für die Schweißflamme sieht, liegt laut Uwe Jung, bei Vauquadrat, einem deutschen Hersteller von Induktionsgeräten, zuständig für das Nutzfahrzeug-Geschäft, falsch und unterschätzt das Potenzial von Induktionswärme im Werkstattalltag. Denn das ‚Knacken‘ rostiger Schraub- und Bolzenverbindungen ist nur ein Gebiet, bei dem sie sich vorteilhaft einsetzen lässt.

Ausgezeichnete Induktionstechnik

Seit 2006 verleiht die Schwesterzeitschrift ‚KRAFTHAND‘ den ‚KRAFTHANDTechnologie- Award‘. Ausgezeichnet werden damit besonders pfiffige Innovationen oder auch schon bewährte Produkte, die Werkstätten das Leben erleichtern. Diesmal hat es der Offenburger Induktionstechnik-Spezialist Vauquadrat ganz oben auf das Podest geschafft: Mit beachtlichen neun Punkten Vorsprung wählten die Juroren den Induktionserhitzer ‚Vauquadrat V2‘ ( siehe Bild), den kleineren ‚Bruder‘ des für Nutzfahrzeug-Werkstätten empfohlenen Modells ‚V3‘, auf den ersten Platz. Laut Jury-Chef Torsten Schmidt, Chefredakteur der ‚KRAFTHAND‘, zeigte sich die mit Werkstattpraktikern besetzte Jury insbesondere vom Konzept der Tiefen induktion beeindruckt, mit der sich beispielsweise festgerostete Komponenten (Schrauben, Muttern, Bolzen, usw.) lösen lassen, ohne sie zum Glühen zu bringen.

 

Allerdings ist laut Jung Induktion nicht gleich Induktion. Geräte, welche nach dem Hochfrequenzoder Resonanzprinzip arbeiten, können demnach wegen zu hoher Temperaturen im Gelbglutbereich das Gefüge schädigen. „Es muss nämlich nicht glühen, um zu wirken“, konstatiert der erfahrene Induktionsspezialist. Vielmehr komme es auf die Wirk- und Eindringtiefe der Induktionswärme an, welche sich nur mit einer hohen Feldkonzentration erzielen lassen. Aus diesem Grund habe sich Vauquadrat bei den Geräten ‚V2‘, ‚V3‘ und ‚V4‘ für die niederfrequente Tiefeninduktion entschieden. „Je niedriger die Arbeitsfrequenz, desto tiefer die Wirkung. Es kommt darauf an, das betreffende Bauteil mit hoher Leistung, aber bei sehr kurzer Einwirkzeit in der gesamten Tiefe auf etwa 150 °C aufzuheizen. So glüht nichts aus und auch das Gefüge verändert sich nicht“, erklärt Jung. Zudem komme es darauf an, die Oberflächentemperatur unter Kontrolle zu halten. Dabei hilft neben einer cleveren Regelelektronik auch die aktiv flüssigkeitsgekühlte Induktorspitze der ‚V‘-Geräte.

Je älter der Bolzen, …

„… desto grauer die Haare. Doch oft kommt Wärme erst dann zum Einsatz, wenn alle anderen Tricks ausgereizt sind“, weiß Uwe Jung aus Erfahrung. Er empfiehlt, den Induktionsheizer schon von vorneherein einzusetzen, „nicht erst nach einer Stunde Probieren mit Hammer, Sprühöl und Verlängerung“. Allerdings müsse der ‚brenner-gewohnte‘ Werkstatt-Fachmann seine Arbeitsweise etwas umstellen, denn es gilt, die Wärme möglichst schnell und tief einwirken zu lassen. „Und man muss wissen, dass alles was glüht, auch schrumpft. Darum frisst beispielsweise eine zum Glühen gebrachte Mutter nach dem Abkühlen auf dem Gewinde fest. Denn ein zu schnelles und übermäßiges Ausdehnen führt immer zu einer Stauchung des Metalls – und das Bauteil ist nach dem Abkühlen kleiner als zuvor“, erläutert Jung. Deshalb sollte man immer zu Beginn überlegen, ob sich die Schraubverbindung durch Erhitzen der Mutter oder der Schraube lösen lässt. Bundschrauben beispielsweise lassen sich meist nur ‚über den Kopf‘ lösen.

„Das Geheimnis ist die Tiefenwirkung, also die schnelle Hitze von innen. Dabei reicht bei korrodierten Schraub- und Bolzen verbindungen in den meisten Fällen schon eine moderate Temperatur ohne Glühen, um den ‚Halterost‘ zwischen Schraube und Gewinde beziehungsweise Bolzen und Buchse zu zerdrücken. Das ist dann der Fall, wenn das gegenüberliegende Schrauben- beziehungsweise Bolzenende zirka 100 °C erreicht. Anschließend wartet man, bis die Bauteile deutlich abgekühlt sind, bevor man mit dem Schraubenschlüssel oder dem Hammer die nun in aller Regel leichtgängige Verbindung trennt. Wenn der Rost ‚Staubig herausdampft‘, ist das optimal“, erläutert Jung.

Den Beitrag finden Sie auch in der Print-Ausgabe 4/20 der Krafthand-Truck.