

„Die Sattelzugmaschine e263 ist der nächste logische Schritt.“
Jeder kennt die großen OEM in Europa. Die Marke SANY eTrucks ist nicht allen ein Begriff. Tatsächlich handelt es sich um einen global aufgestellten Hersteller von Bau- und Hafenmaschinen sowie von Schwerlastfahrzeugen, die unter anderem auch elektrische Lkw umfassen. Weltweit hat SANY bereits 50.000 E-Lkw ausgeliefert. Die Produktion im chinesischen Changsha ist gar auf 300.000 Einheiten pro Jahr ausgelegt. Das Flaggschiff ist die elektrische Sattelzugmaschine e263. Jetzt möchte SANY auch in Europa punkten. Wir haben mit Kevin Eichele, Head of Product & Business Development eTrucks Europe, über die Markteintrittsstrategie von SANY, die Technik und über Persönliches gesprochen.
Herr Eichele, SANY Germany (später SANY Europe) wurde im Jahr 2008 gegründet. Der Hauptsitz ist seit 2011 in Bedburg bei Köln. Wie entwickelte sich das Unternehmen in Deutschland seither?
SANY Europe bietet heute ein breites Spektrum an leistungsstarken Maschinen. Schwerpunkte sind Hydraulikbagger, Hafenmaschinen und Hafenkrane. Jedes Modell ist speziell für den europäischen Markt entwickelt. Die Vermarktung und Betreuung der SANY eTrucks erfolgt über die Putzmeister Organisation, da das Business mit den elektrischen Betonmischer hier begann und über unsere Teams optimal betreut wird.
Sie erwähnen das Unternehmen Putzmeister. 2012 hat SANY das deutsche Traditionsunternehmen übernommen. Seitdem wurde das Portfolio neben Baustellenfahrzeugen stetig erweitert. Nun steigen Sie in Europa also auch verstärkt ins E-Lkw-Geschäft ein?
Richtig, 2022 haben wir den ersten E-Lkw von SANY als 8×4 mit einem Putzmeister Betonmischer-Aufbau auf der BAUMA in München vorgestellt und in Serie gestartet. In der Zwischenzeit sind wir bereits in fünfzehn europäischen Ländern mit unserer zweiten Generation, dem e435, im Feld und wurden jüngst als erster nicht europäischer OEM von der International Truck of the Year Jury nominiert. Die Sattelzugmaschine e263 ist nun der nächste logische Schritt in unserer Europa Strategie.

Zur Person
Kevin Eichele ist Head of Product and Business Development für SANY eTrucks supported by Putzmeister in Europa. Eichele gestaltet die Markteinführung und das Produktportfolio batterieelektrischer Nutzfahrzeuge für den europäischen Markt. Er setzt dabei auf praxisnahe Branchenkenntnisse sowie eine tiefgreifende Systemexpertise. Im Zentrum seiner Arbeit steht die Elektrifizierung der europäischen Logistik.
„Ich beschäftige mich seit 2019 mit nachhaltigen Antriebslösungen im Schwerlastverkehr und möchte fortschrittliche Technologie mit wirtschaftlichen Gesamtlösungen verbinden. Mein Ziel ist es, die Zukunft klimafreundlicher Mobilität aktiv mitzugestalten.“
Sie sind für die Geschäftsentwicklung im Bereich E-Trucks verantwortlich. Eine durchaus herausfordernde Aufgabe?
Da die SANY E-Truck Entwicklung für Europa mit dem elektrischen Betonmischer innerhalb der Putzmeister Organisation begonnen hat, wurde in Aichtal bei Stuttgart eine eigene R&D-Abteilung aufgebaut, um Maschinen speziell an die hohen Anforderungen der EU anzupassen. Die Zusammenarbeit und Kommunikationskanäle mit SANY in China haben wir über die Zeit stetig verbessert und haben nun ein sehr schlagkräftiges Team.
Gibt es Unterschiede in der chinesischen Unternehmens- und Führungskultur im Vergleich zu hiesigen Unternehmen?
In den einzelnen Projekten sehen wir, dass Entscheidungen und die daraus folgende Implementierung direkt ausgeführt werden. Dies führt zu deutlich kürzeren Entwicklungszeiten und ermöglicht uns Kundenrückmeldungen in kurzer Zeit umzusetzen.
Mit welchen Argumenten möchte SANY gegenüber den etablierten OEMs in Sachen E-Trucks punkten?

Beim Thema batterieelektrische Antriebe sehen wir SANY technologisch sehr gut aufgestellt. Durch die große Anzahl, allein in 2025 wurden über 21.000 elektrische Sattelzugmaschinen von SANY in China ins Feld gebracht, wurden die Trucks bereits im echten Einsatz erprobt. Zudem werden wir mit einer sehr attraktiven TCO unseren Kunden den Umstieg in die eMobilität finanziell erleichtern. Abgerundet wird das Ganze durch das Servicenetz von Alltrucks mit seinen 650 Werkstätten in ganz Europa.
Nehmen wir ein Beispiel: Die neue Zugmaschine e263 basiert auf einer 800V-Plattform und hat laut SANY eine Reichweite von über 500 Kilometern bei einer maximalen Nutzlast von 42 Tonnen. Die Fahrzeugplattform stammt von SANY?
SANY hat die gesamte EU-Fahrzeugplattform in-house entwickelt und dabei auf die Erfahrungen der über 50.000 sich im chinesischen Markt befindlichen E-Lkw zurückgegriffen. Gemeinsam mit Putzmeister wurde zudem sichergestellt, dass das Fahrzeug die Europäischen Normen und Kundenanforderungen erfüllt. Sehr geholfen haben hierbei auch die Erkenntnisse, welche wir seit 2022 aus dem Markt für unser elektrisches 8×4 Fahrgestell (e435) gewonnen haben.
„Der e263 verfügt über zwei Ladeports (links und rechts). Umständliches Rangieren an Ladehöfen entfällt.“
Wer liefert beim e263 die Batteriepacks, die E-Achse, die Antriebssteuerung oder die Komponenten des Thermomanagements?

SANY geht bei vielen Komponenten sehr tief in die eigene Wertschöpfung und so stammt zum Beispiel die E-Achse aus dem eigenen Haus, während bei den LFP-Batterien (Lithium-Eisenp-Phosphat) auf EVE zurückgegriffen wurde. (Anm.d.Red.: Die EVE Energy Co. Ltd ist ein chinesischer Batterieproduzent, der 2001 gegründet wurde. Das Unternehmen gilt weltweit als Top 3 der Produzenten von Energiespeichern).
„SANY geht bei vielen Komponenten sehr tief in die eigene Wertschöpfung.“
Hat SANY hat beim e263 auch Nebenabtriebe vorgesehen?
Ja, wir bieten drei verschiedene Nebenabtriebs-Lösungen an. Einen gPTO am Getriebe der E-Achse für hydraulische Anwendungen, während die Zugmaschine sich im Stillstand befindet, beispielsweise für Kipp- oder Schubbodenanwendungen. Einen mechanischen Nebenabtrieb (mPTO), der einen separaten E-Motor hinter der Kabine für hydraulische Anwendungen während der Fahrt nutzt (zum Beispiel für Mischsattel-Auflieger). Hinzu kommt eine elektrische Schnittstelle (ePTO) mit 22kW, beispielsweise für Kühlauflieger.
Hintergrund: Nebenabtrieb
• gPTO: Gearbox-Power Take-off, mechanisch direkt mit dem Getriebe der eAchse verbunden.
• mPTO: Mechanical-Power Take-off, mechanisch, kleiner separater Elektromotor treibt zum Beispiel eine Hydraulikpumpe an.
• ePTO: Electric-Power Take-off, eine Hochvoltschnittstelle versorgt beispielsweise ein (Kühl-) Aggregat.
Wie gestaltet sich der Service an den Hochvolt-Fahrzeugen? Verfügen Sie (perspektivisch) über ein qualifiziertes und flächendeckendes Servicenetzwerk?
Alltrucks mit seinen 650 freien Werkstätten ist für uns ein Schlüsselpartner, um ein flächendeckendes Servicenetz in Europa anbieten zu können. Zudem können alle Putzmeister Service-Standorte SANY E-Trucks servicieren. Auch (weitere) freie Werkstattbetriebe können auf Wunsch durch unser Team qualifiziert werden.

Wie sieht es mit der Diagnosetechnik, der Teileversorgung und der Gewährleistung in Deutschland aus?

Bei allen Operationen wird im Hintergrund immer auf die Putzmeister-Prozesswelt zugegriffen, welches das Rückgrat unserer Services ist. Heißt konkret, dass es bereits funktionierende und eingeschliffene Prozesse aus dem europaweiten Kerngeschäft gibt, welche nun bei der Teileversorgung der E-Lkw, der Diagnose und der Gewährleistungsabwicklung ebenfalls zum Tragen kommen.
Aus guter Tradition am Ende noch eine persönliche Frage: Was hat sie kürzlich am meisten geärgert, was am meisten gefreut?
Der EU-Beschluss zur Mautbefreiung war ein großer Meilenstein für Europa, um die Elektrifizierung der Nutzfahrzeuge weiter voranzutreiben, sodass wir in den nächsten Jahren hoffentlich ähnliche Zulassungsquoten wie heute schon in China sehen. Dabei hoffe ich, dass das Thema der Ladeinfrastruktur nun konsequent von allen Beteiligten angegangen wird, denn nur dann können die E-Trucks auch Ihre TCO-Vorteile tatsächlich voll ausspielen. Am meisten geärgert hat mich, der oft langsame Tempo beim Ausbau der Ladeinfrastruktur für schwere Nutzfahrzeuge. Wir haben technologisch bereits Lösungen, die sofort einsatzbereit sind, aber die bürokratischen Hürden bremsen die Transformation manchmal unnötig aus. Dieser Ärger ist für mich aber ein täglicher Ansporn, noch enger mit Partnern zusammenzuarbeiten, um ganzheitliche Lösungen zu schaffen.
Den Beitrag finden Sie auch in der Print-Ausgabe 1-2026 der Krafthand-Truck.













