Editorial

Bachelor Professional – was für ein Quatsch

um den Nachwuchs im Handwerk steht es schlecht. Was im Bausektor schon besorgniserregend ist, gilt teils auch fürs Kfz-Handwerk. Einen Lehrberuf zu ergreifen, ist für viele junge Leute nicht mehr attraktiv. Einerseits weil Abitur und Studienabschluss aufgrund des besseren Images im Trend liegen. Andererseits, weil die Industrie mit mehr Geld und besseren Bedingungen lockt.

Nicht zuletzt wegen des prekären Fachkräftemangels im Handwerk hat sich die große Koalition auf die Fahnen geschrieben, das Berufsbildungsgesetz zu überarbeiten. Festgeschriebene Mindestvergütung für Auszubildende und Änderungen bei der beruflichen Weiterbildung sind geplant. Teil der Überarbeitung sind aber auch neue Berufsbezeichnungen. So soll etwa ein Servicetechniker zum „geprüften Berufsspezialisten für Servicetechnik“ werden. Oder es kommt der „Bachelor Professional“ zusätzlich zum Meister und entspricht diesem.

Ziel des Ganzen sei, die Berufe international vergleichbar zu machen und gleichzeitig die klassische Ausbildung attraktiver erscheinen zu lassen. Nun, vielleicht erreicht man mit den verkünstelten Begriffen eine internationale Vergleichbarkeit, jedoch den klassischen Weg zum Handwerker oder anderen Lehrberufen werden Jugendliche deshalb noch lange nicht gehen. Viel zu unsexy! Schuld daran ist auch die Politik, die jahrzehntelang das Studieren gepriesen hat – als ob ein Handwerker nichts wert wäre.

Doch auch Selbstkritik ist angebracht. Hat unsere Branche wirklich genug getan, um als attraktiv zu gelten? Was ist etwa mit flexibleren Arbeitszeitmodellen? Warum denn einen Mechaniker nicht später anfangen und dafür bis 22 Uhr arbeiten lassen, wenn er das will? Warum nicht geldwerte Vorteile bieten, wenn man schon nicht mit der Zahlungskraft der Industrie mithalten kann? Oder wie wäre es mit einem Dienstwagen oder Spritgutscheinen?

Wichtiger aber ist, jungen Talenten Perspektiven aufzuzeigen, sei es in Form von Fortbildung oder Eigenverantwortung. Stichwort: Selbstverwirklichung. Das alles spornt an und ist in großen Industrieunternehmen nicht zu haben! So gesehen hat das Handwerk immer noch viel mehr zu bieten als nur den sprichwörtlichen goldenen Boden.

torsten.schmidt@krafthand.de

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