Augmented-Reality

Pilotprojekt: Die Werkstatt 4.0 kann kommen

Kunde oder Fachkraft können dem Mechatroniker über die Schulter sehen. Bild: Lexus

Werkstatt 4.0 – es scheint, als reden alle davon. Doch so wirklich wissen, was damit gemeint ist, tut kaum jemand. Vernetzt und digitalisiert werden die Werkstätten der Zukunft. Und wie soll das ablaufen? Lexus zeigt mit seinem Pilotprojekt, wie es aussehen könnte, in dieser neuen digitalen Werkstatt 4.0.

Mit der Augmented-Reality-Brille RealWear HMT-1 will Lexus technische Probleme schneller und effektiver lösen. Auch der Service gegenüber dem Kunden soll mit Hilfe der erweiterten Realität“ verbessert werden. Ein Pilotprojekt beleuchtet ab sofort sechs Monate lang Funktionalität, Kosten und Nutzen dieser neuartigen Technologie.

Gewöhnungsbedürftige Optik: Die Kamera vor dem Ohr nimmt auf und im Display vor dem Auge werden alle benötigten Informationen dargestellt. Bild: Lexus

Die hierfür genutzte AR-Brille der Firma RealWear wurde speziell für den Einsatz in der Industrie entwickelt. Ein Display vor dem Auge des Technikers versorgt ihn mit Informationen. Eine Kamera zeichnet auf, was der Träger sieht, und kann es bei Bedarf an ein anderes Gerät übertragen. Die Sprachsteuerung hält die Hände bei der Arbeit frei. Die dafür verwendete Software stammt von Essert.

Der Informationsaustausch über die RealWear HTM-1 ist in beide Richtungen möglich. Der Entwickler oder Zulieferer verfolgt die Arbeit aus der Sicht des technischen Experten auf seinem Bildschirm im Büro, kann bei Bedarf aber auch Dokumente oder Bilddateien in das Display der AR-Brille senden. Diese Informationen erscheinen dann direkt vor dem Auge des Kfz-Profis und können ohne Verzögerung umgesetzt werden. Um lange Erklärungen zu vermeiden, kann der Entwickler beispielsweise auch ein Foto des Livebilds machen, relevante Markierungen einfügen und das Foto zurück an die Brille in der Werkstatt senden.

Testphase bei Auto Weller im Lexus-Forum Osnabrück

Im Lexus-Forum in Osnabrück erschließt die RealWear HTM-1 noch ein weiteres Geschäftsfeld. Bisher konnte der Kunde bei der Direktannahme anwesend sein und sein Fahrzeug gemeinsam mit dem Servicemitarbeiter unter die Lupe nehmen. Bei Auto Weller kann sich der Lexusfahrer jetzt mit einem Kaffee in den Warteraum zurückziehen, die gesamte Inspektion auf einem Tablet verfolgen und sich dabei mit dem zuständigen Mitarbeiter austauschen. Aufgrund der optimalen Geräuschunterdrückung der AR-Brille hört der Kunde dabei ausschließlich die Stimme des Serviceberaters und keine Schraub- oder Motorengeräusche.

Weitere Einsatzmöglichkeiten

Bekanntlich lebt Lexus das Konzept der japanischen Gastfreundschaft Omotenashi. Kunden werden stets mit größter Zuvorkommenheit und Aufmerksamkeit behandelt. Ist das Pilotprojekt HMT-1 erfolgreich, sind noch weitere Einsatzgebiete zur Verbesserung der Kundenzufriedenheit denkbar, beispielsweise bei der Schadensabwicklung. Die Versicherung schaltet sich einfach live dazu, während das Auto inspiziert wird.

Standpunkt

Fluch oder Segen

Augmented Reality – die erweiterte Realität soll, wenn es nach einigen Herstellern geht, bald Einzug in die Werkstätten halten. Auf den ersten Blick scheint das eine tolle Sache zu sein, kann sie doch helfen, die immer komplexere Technik unserer Fahrzeuge im Griff zu behalten. Vor allem in freien Werkstätten wird die Bereitstellung der Daten für die verschiedenen Marken eine Sisyphusaufgabe.

Beispiel Diagnosetester: Statt mit den klassischen Reparaturleitfäden müssten diese künftig mit Bild-, Video- und Grafikmaterial und einem allzeit erreichbaren Spezialisten im Werk, der immer die entsprechende Lösung parat hat, versehen werden. Bei aktueller Typenvielfalt und üblichem Modellwechsel entstünden hier Datenmengen, die niemals zu handhaben wären. Die Testerhersteller haben ja bereits alle Hände voll zu tun, heutige Geräte auf dem Laufenden zu halten.

Markenspezifisch und begrenzt auf bestimmte Modelle und Baugruppen wäre es wohl vorstellbar, aber dennoch mit einem irren Aufwand verbunden. Auch wäre es mehr als fragwürdig, was die Leute in der Werkstatt dazu sagen. Wie mag die Begeisterung angesichts der Vorstellung eines kompetenzreduzierten ferngesteuerten Teiletauschers statt eines durch praktische Erfahrungen gereiften Kfz-Profis wohl ausfallen?

Vielleicht sehen wir Derartiges ja schon in gut zwei Wochen, wenn die Automechanika in Frankfurt ihre Tore öffnet. Lassen wir uns überraschen, was der Branche hierzu noch alles einfällt. Die Zukunft kommt – wie auch immer sie aussehen mag.

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