
Britischer Gentleman
Der Morgan Plus 8 ist ein Liebhaberfahrzeug mit einer großen Fangemeinde. Das Auto entzieht sich jeder zeitgenössischen Kritik, bei dem niemand nach dem Preis-Leistungs-Verhältnis fragt.

Mit seiner langen Schnauze, der Schmetterlings-Motorhaube und den freistehenden Glubschaugen-Scheinwerfern verkörpert der Plus 8 die späten 1960er Jahre. Der britische Roadster ist ein eleganter Gentleman alter Schule.
Alles Handarbeit
Der Plus 8 wurde nie wirklich „produziert“, sondern von Expertenhand gefühlvoll gefertigt, die runden Karosserieformen auf Holz gedengelt, das Interieur liebevoll zusammengesetzt. Kein Wunder, dass die zahlungswilligen Kunden eine Weile warten mussten, bis sie in ihrem neuen Wagen Platz nehmen konnten. Von der Präsentation 1968 bis zum (vorläufigen) Ende 2004 lieferte Morgan 6.000 Fahrzeuge aus, die alle sehnlichst erwartet wurden. Es waren 36 Jahre, in denen sich an Form und Technik nichts änderte. Der Wagen ist zeitlos schön – inhaltlich passt das auf keinen anderen Roadster besser.
Schon die Karosserie ist ein Kunstwerk: Ein Leiterrohrrahmen aus Stahl dient als Halterung für ein 94-teiliges Gerippe aus Eschenholz, auf dem die handgearbeiteten Karosseriebleche angebracht sind. Die lange Schnauze, die Scheinwerfer und die tiefausgeschnittenen Türen mit Steckscheiben sowie die flache Windschutzscheibe (mit drei Scheibenwischern), die prägnanten Kotflügel und das abfallende Heck verleihen dem Plus 8 ein unverwechselbares Aussehen.
Die tiefausgeschnittenen Türen und das abfallende Heck sind nur drei von vielen Merkmalen, die den Roadster unverwechselbar aussehen lassen.
Der Zweisitzer bringt allerdings auch Herausforderungen mit sich: Hinten versucht eine Starrachse mit Teleskop-Stoßdämpfern mit zweifelhaftem Erfolg, den Wagen auf der Straße zu halten. An der Vorderachse hat die Technik der Einzelradaufhängung reichlich Patina angesetzt und geht auf eine Konstruktion von Henry F. S. Morgan aus dem Jahr 1909 zurück, die kompliziert und fragil ist. So befindet sich im Inneren ein Knopf, der eigentlich vor jeder Fahrt zu bedienen ist, denn dann wird aus dem Kurbelgehäuse des Motors etwas Öl abgezogen, um die empfindlichen Teile der Vorderachse zu schmieren.
Mehr Leistung als auf der Straße möglich
Als Motor diente der bewährte V8 von Rover mit einem Zylinderbankwinkel von 90 Grad, einer zentralen, über Kette angetriebenen Nockenwelle und zwei Fallstromvergaser. Das Aggregat hatte 3.5 Liter Hubraum, später auch 4.0 und 4.6 Liter. Die Vergaser wurden Anfang der 1970er Jahre durch eine Saugrohreinspritzung ersetzt. Die Leistung reichte von 160 PS bis 220 PS. Bei knapp 1.000 Kilogramm Gewicht verfügte der vier Meter lange Roadster über mehr Leistung, als er auf die Straße bringen konnte. So schrieb ein Tester, der den Versuch abbrach, die Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h zu erreichen: „Bei 140 km/h bricht die Hölle los.“
Auch andere Nebenwirkungen ignoriert der Fahrer gentlemanlike: So erfordert das Ein- und Aussteigen ein hohes Maß an Beweglichkeit. Zudem wird der Wagen bei straßenbaulichen Unebenheiten unruhig – bei flotter Geschwindigkeit hebt es einen schon mal aus dem Sitz. Doch ein Plus-8-Fahrer will auch nicht rasen, sondern sehen und gesehen werden. Der Roadster ist ein Liebhaberfahrzeug mit einer großen Fangemeinde, aber nur wenigen Besitzern.
Ab 2012 den Charme verloren
2012 bis 2018 brachte Morgan den Plus 8 wieder auf die Straße. Er sah kaum anders aus, war aber ein modernes Auto mit einem leistungsstarken V8 von BMW, mit einem Alu-Monocoque und entsprechendem Fahrwerk. Die neue Version war angenehmer zu fahren, hatte aber etwas vom Charme des Vorgängers verloren. Wer heute einen Plus 8 erwerben will, muss sich also zwischen einem „echten“ und einem „neuen“ entscheiden. So oder so: Billig wird’s nicht.
Exklusive Einblicke
Die Experten der zentralen GTÜ-Klassikabteilung haben die Expertise für Klassiker aller Art und kennen die spannenden Aspekte jeder Historie. Krafthand veröffentlicht in loser Folge exklusive Einblicke in die umfangreiche Datenbank der Sachverständigenorganisation.








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