GVA-Kongress

Einsatz für offene Telematikplattform

Die Besucher beim GVA-Kongress in Hannover. Rechts im Bild Alexander Vorbau (Referent Öffentlichkeitsarbeit) mit GVA-Präsident Hartmut Röhl. Bilder: Lanzinger

Rund 250 Vertreter aus dem Kfz-Teilegroßhandel, der Kfz-Teileindustrie und von Anbietern technischer Informationen diskutierten bei der Jahresmitgliederversammlung des Gesamtverbands Autoteile-Handel e.V. (GVA) in Hannover über wirtschaftliche und wettbewerbspolitische Themen des Kfz-Ersatzteil- und Servicemarktes sowie Anliegen des GVA.

Bei den turnusgemäßen Wahlen zum Präsidium des GVA bestätigten die wahlberechtigten Handelsmitglieder einstimmig die bisherige Zusammensetzung des Gremiums.

Für weitere drei Jahre wurde Hartmut Röhl zum GVA-Präsidenten gewählt. Er wird von den ebenfalls wiedergewählten Präsidiumsmitgliedern Michael Göhrum (Göhrum Fahrzeugteile GmbH, Sindelfingen), Rüdiger Hahn (Christian Winkler GmbH & Co. KG, Stuttgart), Michael Katschmanowski (Johannes J. Matthies GmbH & Co. KG, Hamburg), Stephan Klatt (Hennig Fahrzeugteile GmbH, Essen), Fabian Roberg (Alliance Automotive Germany GmbH, Münster) und Bernhard Strauch (Stahlgruber GmbH, Poing) unterstützt.

Nach einem wirtschaftlich recht guten Start in das Jahr hat sich die Stimmung im Kfz-Teilegroßhandel zuletzt etwas eingetrübt. Gemäß den Ergebnissen einer jüngsten Abfrage des GVA unter seinen Mitgliedern meldeten zwar gut 63 Prozent der Teilehändler gestiegene Umsätze nach den ersten drei Quartalen 2017 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Das sind allerdings rund sieben Prozentpunkte weniger als nach dem zweiten Quartal und etwa 20 Prozentpunkte weniger als nach den ersten drei Monaten dieses Jahres. GVA-Präsident Hartmut Röhl: „Wir hoffen, ein gutes viertes Quartal wird dafür sorgen, dass am Ende des Jahres für den Teilehandel insgesamt eine schwarze Null stehen wird oder ein leichtes Umsatzplus möglich ist.“

Konzentrationsprozess

Zudem erlebt die Branche einen anhaltenden Konzentrationsprozess. GVA-Präsident Hartmut Röhl führte aus: „Das Karussell mit Unternehmensübernahmen und -zusammenschlüssen dreht sich weiter. Dadurch, dass zuletzt zunehmend ausländische Investoren das Potential des von kleinen und mittelständischen Unternehmen geprägten freien Kfz-Teilegroßhandels entdeckt haben, hat sich diese Entwicklung noch einmal beschleunigt.“

In der Wettbewerbspolitik beschäftigen den GVA zurzeit vor allem drei Themen: die Liberalisierung des Marktes für sichtbare Kfz-Ersatzteile, die Reform der europäischen Typgenehmigung verbunden mit dem Zugang zu technischen Informationen und die Digitalisierung/Fahrzeugvernetzung. Neben den zahlreichen Chancen, die diese Themenkomplexe für die Branche und für die Autofahrer bieten, können allerdings existenzbedrohende Risiken für die unabhängigen Marktteilnehmer mit ihren mehreren hunderttausend Mitarbeitern in Deutschland etwa aus der Kfz-Teileindustrie, dem freien Kfz-Teilegroßhandel, den Werkstätten oder von Datenpublishern entstehen, wenn die rechtlichen Weichen falsch gestellt sind.

Liberalisierung

Der GVA engagiert sich seit Langem für die Liberalisierung des Marktes für sichtbare Kfz-Ersatzteile wie Motorhauben, Kotflügel, Außenspiegel, Scheiben, Scheinwerfer und Rückleuchten. Abweichend zu vielen anderen Staaten Europas genießen die Fahrzeughersteller laut GVA hierzulande aufgrund des deutschen Designgesetzes ein rechtliches Monopol auf diese Teile. Aufgrund des mangelnden Wettbewerbs zahlen deutsche Autofahrer daher dafür deutlich mehr als ihre europäischen Nachbarn, in deren Ländern die nationale Gesetzgebung bereits um eine Reparaturklausel ergänzt wurde, die sichtbare Kfz-Ersatzteile vom Designschutz ausnimmt. GVA-Präsident Hartmut Röhl: „Mit der Kampagne „Mehr Gerechtigkeit für deutsche Autofahrer“, die von der internationalen ECAR-Allianz initiiert wurde und die in Deutschland vom GVA getragen wird, machen wir noch einmal auf die große Relevanz des Themas aufmerksam.“

Rund 3 Milliarden Euro werden alljährlich in der Bundesrepublik mit sichtbaren Ersatzteilen umgesetzt. Das Einsparpotential für die Verbraucher ist enorm, wenn mehr Wettbewerb herrschen würde. Sollte eine neue Bundesregierung ihre Bereitschaft zur Liberalisierung signalisieren, könnte nicht nur die deutsche, sondern in der Folge auch der gesamte europäische Markt einheitlich für Wettbewerb geöffnet werden.

Zugang zu den technischen Informationen

Der Zugang zu den technischen Informationen der Fahrzeughersteller bleibt für die unabhängigen Marktteilnehmer von großer Bedeutung. Das gilt insbesondere für die Reparatur- und Wartungsinformationen, die eine eindeutige Fahrzeugidentifikation und Ersatzteilzuordnung ermöglichen. Diese sollen Teil der neuen Typgenehmigungsrahmenverordnung sein, deren Details derzeit im europäischen Vermittlungsverfahren (Trilog) zwischen der EU-Kommission, dem EU-Ministerrat und dem EU-Parlament diskutiert werden. Der GVA begleitet diesen Gesetzgebungsprozess gemeinsam mit seinem europäischen Dachverband FIGIEFA intensiv. Bislang werden die entsprechenden Regeln im Wesentlichen von der Euro 5/6-Verordnung definiert.

Röhl umriss die wesentlichen Forderungen des Verbands an die neue Rahmenverordnung: „Dass Euro 5/6 Regelungslücken und Mängel aufweist, weiß die breite Öffentlichkeit spätestens seit dem Abgasskandal, als Fahrzeughersteller gegen andere darin ebenfalls enthaltene Regeln verstoßen haben. Doch der GVA und Vertreter anderer Marktteilnehmer weisen darüber hinaus seit Langem darauf hin, dass die Fahrzeughersteller den Vorgaben aus Euro 5/6 für Pkw sowie Euro VI für Nkw bezüglich des Zugangs zu technischen Informationen für Akteure des Independent Aftermarket nur unzureichend nachkommen.“

Solche Mängel hatte schon der so genannte RICARDO-Bericht bestätigt, der von der EU-Kommission in Auftrag gegeben wurde. „Wir erwarten, dass diese Mängel bei der Neufassung der europäischen Typgenehmigung beseitigt werden. Der Zugang zu den technischen Informationen zur Fahrzeug- und Ersatzteilidentifikation ist für den freien Markt essentiell, denn ohne ihn kann etwa der freie Kfz-Teilehandel aufgrund der stetig wachsenden Teile- und Modellvielfalt keine eigenen Ersatzteilkataloge in konkurrenzfähiger Form anbieten.“, so GVA-Präsident Röhl weiter. Und: „Die künftige Bundesregierung muss ihren Einfluss im europäischen Trilogverfahren nutzen, damit die neue EU-Typgenehmigungsrahmenverordnung den Wettbewerb im Kfz-Ersatzteil- und Servicemarkt schützt.“

Digitalisierung und ihre Folgen

Die Digitalisierung und ihre Folgen haben große Auswirkungen auf die Automobilwirtschaft. So sind immer mehr Fahrzeuge mobil vernetzt, was einen neuen Markt an kommerziellen Online-Dienstleistungen rund um das Automobil rasant wachsen lässt. Dabei gilt von der Parkplatzsuche über das Online-Shopping bis hin zur elektronischen Vereinbarung eines Werkstatttermins: Wenn Unternehmen von Daten und Ressourcen im Fahrzeug oder von digitalen Plattformen und Marktplätzen ausgeschlossen werden, erleiden sie schwerwiegende, existenzbedrohende Wettbewerbsnachteile. Die wichtige Schnittstelle zum Kunden, um die im Zeitalter der Digitalisierung auch neue Intermediäre im Markt kämpfen, würde verlorengehen.

GVA-Präsident Hartmut Röhl: „Nur wenn die unabhängigen Marktteilnehmer einen den Herstellern gleichgestellten Zugang zur Telematik- und Kundenschnittstelle im Fahrzeug erhalten, können sie dem Autofahrer eigene Dienstleistungen und Produkte in wettbewerbsfähiger Form anbieten. Andere diskutiere Lösungen, wie etwa das „Extended Vehicle“ der Fahrzeughersteller oder das Routen der Daten über so genannte neutrale Server, die keinen direkten Zugriff auf die Daten im Fahrzeug vorsehen, leisten das nicht. Hier würden sich die Unternehmen des freien Marktes in die Abhängigkeit der Fahrzeughersteller begeben.“

Das Thema Digitalisierung soll, so die bisherigen Verlautbarungen aus den Sondierungsgesprächen nach der Bundestagswahl, einen Arbeitsschwerpunkt der künftigen Bundesregierung bilden. GVA-Präsident Hartmut Röhl mahnte, diesen inhaltlich richtig auszugestalten: „Ohne einen direkten Zugang zum Fahrzeug, zum Nutzer und zu den fahrzeuggenerierten Daten können die unabhängigen Marktteilnehmer im Digitalzeitalter nicht überleben. Daher sollte sich eine neue Bundesregierung für die ‚offene Telematikplattform‘ im Fahrzeug stark machen.“