
Wann ersetzt die KI den Gutachter?
KI, KI und nochmal KI. In den letzten zwei Jahren hat förmlich ein Hype rund um die künstliche Intelligenz eingesetzt. Aber ist dieser auch gerechtfertigt, wenn es um das Beurteilen von Unfall- und anderen Schäden an Fahrzeugen geht? Gespräch mit Benrd Grüninger von Dekra.

Über den Einsatz von KI für Schadengutachten und ob diese irgendwann womöglich sogar einen Sachverständigen erübrigen, hat sich Krafthand schon mehrmals mit dem Dekra-Experten Bernd Grüninger unterhalten. Zuletzt im März 2024 (siehe https://www.krafthand.de/artikel/ki-versus-gutachter-86021/. So wie damals kommt der Bereichsleiter Gutachten und Mitglied der Geschäftsleitung bei Dekra Automobil auch heute noch eindeutig zu dem Schluss, dass die KI weit davon entfernt ist, einen Sachverständigen zu ersetzen. Allerdings gibt es inzwischen Fortschritte, durch die sich mittlerweile Dinge in der Schadensabwicklung realisieren lassen, die vor zwei Jahren noch nicht ohne Weiteres denkbar waren. Beispielhaft zeigte sich das im Gespräch, als Krafthand Grüninger die Frage stellte:
In welchem Bereich ist KI einem Schadengutachter inzwischen eine echte Hilfe?
Ohne zu zögern, sagt Grüninger: bei Hagelschäden. „Für die Beurteilung solcher Schäden ist der Scanner inzwischen gesetzt“, erklärt er mit dem Hinweis, dass dies vor zwei Jahren noch nicht so war. Inzwischen erfolge die Erfassung der Hageldellen durch den Scanner sehr zuverlässig. Überdies hat es den Vorteil, dass die aufgenommenen Scans auch die Dokumentation erleichtern.
Allerdings, so der Experte, geht das nicht allein auf KI zurück. Im Gutachterwesen sei es mehr ein Mix aus noch konsequenterer Digitalisierung in Verbindung mit KI sowie technologischem Fortschritt bei Kameras etc., der neue Wege in der Schadenbeurteilung zulasse und zu mehr Effizienz bei der Abwicklung führe. Aber ohne Sachverständigen, der sich mit der Beurteilung von Fahrzeugen und Unfallschäden viel besser auskennt als mit KI-Tools, werde es wohl nie gehen. Davon ist Grüninger überzeugt.
Doch warum kann eine künstliche Intelligenz anhand von Bildern – anders als immer wieder von bestimmten Seiten suggeriert – einen Unfall immer noch nicht zuverlässig beurteilen?
So gut ein Scanner inzwischen auch funktionieren mag und so gut Bilderkennungsprogramme auch arbeiten oder bald arbeiten, die Ergebnisse müssen einfach von einem Menschen gecheckt werden. „Beispielsweise“, so Grüninger, „können ein Scanner und KI immer noch nicht beurteilen, ob manche sichtbaren Schäden auf einen Vorschaden zurückgehen oder frisch sind. Außerdem kann ein Scanner „immer noch kein Glas und keine Schachtleisten“. Damit meint der Experte natürlich, ob daran Schäden entstanden sind. Eine weitere Schwäche des Scanners: „Wie soll er den Zustand des Innenraums beurteilen, wenn es etwa um das Festellen des Wiederbeschaffungswerts geht? Das kann er einfach nicht“, sagt er weiter.
Erst recht ist der Mensch unverzichtbar, wenn es darum geht, wie eine Reparatur auszusehen hat beziehungsweise welcher Reparaturweg einzuschlagen ist. Lässt sich beispielsweise ein Seitenteil noch zurückverformen oder muss es erneuert werden? Ist ein Kratzer auspolierbar oder ist die Stelle zu lackieren? Oder genügt bei einem beschädigten Seitenteil eine Beilackierung oder ist das gesamte Seitenteil zu lackieren? Das alles sind Fragen, die eine Software (noch) nicht zuverlässig beantworten kann, die aber tagtäglich bei Unfallgutachten im Raum stehen.
Gibt es demnach eher mehr Fortschritte durch KI in der Schadenabwicklung?
Ja und nein, fasst man Grüningers Ausführungen zusammen. So setzt Dekra bereits ein KI-gestütztes System ein, mit dem sich etwa Hagelschäden vorab aus der Ferne beurteilen lassen. Und zwar ohne, dass der Gutachter vor Ort am Fahrzeug sein muss. „Dabei geht es allerdings nicht um eine exakte Einschätzung der Schadenhöhe, sondern darum, zu entscheiden, ob ein Fahrzeug noch reparabel ist oder ein wirtschaftlicher Totalschaden vorliegt“, erklärt der Experte.
Relevant ist das beispielsweise, wenn die Windschutzscheibe vom Hagel mitbeschädigt wurde. Ist das Fahrzeug noch reparabel, kann die Versicherung vergleichsweise schnell eine Freigabe/Kostenübernahme für den Austausch der Scheibe erteilen, um das Fahrzeug zwischenzeitlich wieder flott zu bekommen. Denn bekanntlich sind bei solchen Wetterereignissen oft hunderte Fahrzeuge betroffen und Termine zur endgültigen Schadensfeststellung sowie dem Beseitigen der Hageldellen nicht innerhalb weniger Tage verfügbar.
Aber wie erfolgt die Beurteilung, wenn der Gutachter nicht vor Ort ist?
In diesen Fällen werden die Versicherungsnehmer/Fahrzeughalter gebeten, in einer App einen Fragebogen auszufüllen und entsprechende Bilder aus bestimmten Positionen zu machen. Anhand dieser Daten erfolgt dann die Beurteilung, wie mit dem beschädigten Fahrzeug zu verfahren ist. Treiber für diese Prozesse sind natürlich auch Versicherer, die so schnellere und kostengünstigere Schadenabwicklungen realisieren können.
Vor diesem Hintergrund kann sich Grüninger vorstellen, dass sich in den nächsten Jahren in der Schadenabwicklungspraxis durch KI im Zusammenspiel mit mehr Digitalisierung noch einiges tut. Das erspart vor allem Zeit, Geld und Gutachtern teils unnötige Wege. Ersetzen lassen sie sich aber so schnell nicht.
Herr Grünninger, vielen Dank.
Das Gespräch führte Torsten Schmidt








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