Mit einer für uns ‚komischen’ Beanstandung kam der Halter eines Volkswagen Passat B6 (Typ 3C, Motorkennbuchstabe BMR) mit 2,0-l-TDI-Motorisierung und DSG-Antrieb in unsere Werkstatt. Die Kundenbeanstandung lautete:

Wenn das Fahrzeug gestartet wird, lässt sich seit einigen Tagen der Wählhebel des Automatikgetriebes aus der ‚P’-Stellung nicht mehr entriegeln. Um diesen Fehler ‚abzustellen’, musste der Fahrer den Drehlichtschalter von der Stellung ‚Automatik’ auf Position ‚0’ drehen. Daraufhin ließ sich der Wählhebel des automatisierten Schaltgetriebes aus der Parkstellung entriegeln. Blieb der Lichtschalter in der Stellung ‚0’, sprang anschließend bei einem erneuten Startversuch der Motor zeitweise nicht mehr an. Drehte jetzt der Fahrer den Lichtschalter wieder auf die Automatikstellung, startete der Motor ohne Probleme.

Unser Mechatroniker verkabelte zunächst das Fahrzeug mit einem Diagnosegerät und prüfte anschließend die verbauten Steuergeräte auf mögliche Fehlereinträge. Im Getriebesteuergerät waren die Fehler ‚Unbekannter Fehler’ und ‚Schaltstufenerkennung, Signal unplausibel’ sowie in der Lenkungselektronik der Eintrag ‚Startfreigabe nicht erkannt’ hinterlegt. Nach dem Auslesen der Istwerte-Parameter und einem erneuten Motorstart musste der Werkstattfachmann allerdings feststellen, dass das DSG-Getriebe sich in einer sogenannten ‚Zwischenstellung’ befand. Wurde jetzt das Licht einmal an- und ausgeschaltet, erkannte das Steuergerät die Gangerkennung wieder.

Spannungslos

Für uns ergab die Fehlersuche mit diesem ‚unbekannten’ Fehlerbild als Resultat keinen Sinn, deshalb fuhren wir das Fahrzeug zu einem befreundeten Volkswagen-Partner. Die Kollegen stellten anhand ihrer Überprüfungen und technischen Reparaturunterlagen fest, dass die Ursache der Kundenbeanstandung eine defekte Schaltkulisse sei. Daraufhin bestellten wir eine neue Schaltkulisse und unser Mechatroniker verbaute diese im Fahrzeug. Allerdings war das Problem mit dem nicht entriegelbaren Wählhebel dadurch nicht behoben.

Mithilfe des Stromlaufplans ging unser Serviceprofi schließlich tiefer ins Detail. Er überprüfte alle Anschlüsse am Lichtschalter und am Wählhebel sowie die entsprechenden Versorgungsspannungen der Bauteile. Dabei stellte er eine fehlende Spannungsversorgung der Klemme 15 am Wählhebel fest. Laut den technischen Unterlagen ist diese Klemme mit einer Sicherung abgesichert.

Keine Sicherung

Der Mechatroniker öffnete deshalb die Abdeckung des rechts neben dem Armaturenbrett verbauten Sicherungskastens und musste feststellen, dass die Sicherung nicht vorhanden war. Er verbaute eine neue Sicherung – und der Fehler war nicht mehr vorhanden. Zur Überprüfung zog er die Sicherung nochmals heraus, aber die Kundenbeanstandung ließ sich nicht mehr reproduzieren. Nach den finalen Montagearbeiten und mehreren problemlosen Motorstarts konnten wir das Fahrzeug dem Kunden wieder übergeben.

Dabei fragten wir ihn, ob er in der Vergangenheit irgendwelche Probleme mit seinem Passat gehabt hätte. Er schilderte uns von einem Gebläseproblem, das er vor circa drei Monaten in einer anderen Werkstatt prüfen ließ. Wir vermuteten nun, dass bei der Fehlersuche die Sicherung zur optischen Überprüfung gezogen, aber nicht mehr an den vorgesehenen Platz zurückgesteckt wurde. Warum allerdings der Fehler erst so spät auftrat und sich dann über den Lichtschalter fortsetzte, entzieht sich unserem technischen Elektrikverständnis. Deshalb werden wir künftig bei der Fehlersuche auch die Sicherungen und Sicherungsplätze kontrollieren.

 

Dieser Zu-Ende-denken-Fall ist in folgendem Buch erschienen:

Zu Ende denken… Band 6 – Knifflige Fälle aus dem Werkstattalltag

1. Auflage 2013, von Georg Blenk, 136 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 15,80 Euro

 In Band sechs aus der Reihe ‚Zu Ende denken…‘ beschreiben KRAFTHAND-Leser in zahlreichen interessanten Praxisbeispielen Probleme und Problemlösungen aus dem Werkstattalltag. Gegliedert ist das Buch in die Kategorien
Elektrik/Elektronik, Motor/Antrieb/Abgasanlage, Bremse/Fahrwerk und Karosserie.

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