Ganz besorgt brachte eine Kundin ihren bereits etwas in die Jahre gekommenen Wagen in unsere Werkstatt – mit dem Hinweis, dass der Zeiger der Temperaturanzeige ständig in den roten Bereich wandert. Kein Problem, dachten wir und unterzogen den Motor und das Kühlsystem einem Routinecheck. Da nichts Besonderes dabei auffiel, verdächtigten wir den Thermostat als Übeltäter, tauschten ihn aus und machten anschließend noch eine Probefahrt. Doch der Zeiger blieb weiterhin beharrlich im roten Bereich der Anzeige.

Daraufhin prüften wir den Kühler auf eine eventuelle Verstopfung, aber auch hier war soweit alles in Ordnung. Wir ließen den Motor dann längere Zeit im Leerlauf laufen und beobachteten sein Temperaturverhalten, das sich jedoch als völlig normal erwies. Also musste der Fehler im Bereich der Temperaturanzeige liegen und wir tippten auf einen fehlerhaften Temperaturfühler. Dieser war dann auch schnell ersetzt, allerdings wieder ohne Erfolg. Deshalb bauten wir ihn wieder aus und kühlten ihn mit einem Kältespray ab, um seine temperaturabhängigen Widerstandswerte zu prüfen. Sämtliche ermittelten Werte, auch die bei höheren Temperaturen, bewegten sich innerhalb der zulässigen Toleranzgrenzen. Ebenso prüften wir auch den alten Temperaturfühler, der sich auch als in Ordnung erwies, und bauten ihn anschließend wieder ein.

Danach prüften wir die elektrischen Leitungen auf einen eventuellen Masseschluss, und erst der Einsatz einer Widerstandsdekade zwischen Masse und dem Steckkontakt des Temperaturfühlers brachte uns auf die Spur des Fehlers. Die Nadel des Anzeigeinstruments ließ sich nämlich nur mit Widerstandswerten auf „Normaltemperatur“ halten, die vom Temperaturfühler höchstens bei handwarmem Motor erreicht werden. Da das Anzeigeinstrument im Prinzip ein Voltmeter ist und lediglich eine bestimmte Spannung anzeigt, führten uns Überlegungen zu dem Schluss, dass von der Spannungsversorgungs­seite her etwas faul sein müsste.

Nachdem wir das Kombiinstrument ausgebaut hatten, fiel uns auf, dass ein etwas groß dimensionierter Widerstand auf der Hauptplatine – der Spannungskonstanter – Überhitzungsspuren aufwies. Jetzt lüftete sich langsam das Geheimnis. Das besagte Bauteil hat nämlich die Aufgabe, die Spannung am Anzeigeinstrument konstant auf einem deutlich niedrigeren Niveau als die Bordspannung zu halten, damit Spannungsschwankungen die Anzeige nicht beeinflussen. Unser defekter Spannungskonstanter lieferte dem Messinstrument also eine zu hohe Grundspannung, worauf sich auch die erhöhte Temperaturanzeige erklären ließ. Nachdem wir das defekte Bauteil ersetzt hatten, funktionierte die Anzeige wieder ordnungsgemäß.

 

Dieser Zu-Ende-denken-Fall ist in folgendem Buch erschienen:

Zu Ende denken… Band 1 – Knifflige Fälle aus dem Werkstattalltag

11. Auflage 2017, von Georg Blenk, 112 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 12,80 Euro

Die Rubrik ‚Zu Ende denken’ erscheint in der Fachzeitschrift KRAFTHAND. Aus Leserzuschriften stellt die Redaktion knifflige Werkstattfälle zusammen und veröffentlicht sie. Band 1 präsentiert die spannendsten Problemfälle aus 30 Jahren KRAFTHAND bis ins Jahr 2001. Gegliedert ist das Buch in die vier Kategorien Elektrik, Fahrwerk, Karosserie und Motor.

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